Am Ende der Treppe unter der Autobahn

Ab und zu, wenn man auf den Autobahnen Deutschlands unterwegs ist, sieht man zwischen den Fahrbahnen ein kleines Betonhäuschen mit einer Metalltür. Es ist winzig, ein kleiner grauer Quader aus Beton ohne Fenster, ca. 2 m hoch und mit einer Fläche von vielleicht zwei Quadratmetern. Die Tür ist eine blaue Feuerschutztür mit einem Sicherheitsschloss. Das Häuschen steht immer zwischen zwei weit entfernten Ausfahrten zwischen den Leitplanken, und noch nie hat es jemand gesehen, während er wegen Stau oder einer Geschwindigkeitsbegrenzung langsam fuhr. Es steht dort nur, wenn man vorbeirast.

Verlässt jemand die Autobahn, um auf der anderen Fahrbahn zurückzukehren, ist das Häuschen verschwunden, wenn er zu der entsprechenden Stelle zurückkommt. Selbst, wenn jemand auf der Autobahn hält und zwischen den Leitplanken zurückläuft, verschwindet das kleine Gebäude. Nur wenn es immer in Sicht bleibt, wenn man einmal entdeckt hat, bekommt man eine Chance es zu betreten. Die einzige Möglichkeit, ist also eine Vollbremsung auf der Autobahn – eine sehr unfallträchtige Handlungsweise, steht der Betonkasten doch meist auch noch an einer unübersichtlichen Stelle.

Die Tür ist abgeschlossen. Es kursiert ein Schlüssel im okkulten Untergrund, von dem aber niemand weiß, ob er wirklich passt. Man kann die Tür allerdings mit einiger Mühe aufbrechen. Beim nächsten Mal ist sie repariert und bis auf ein wenig abgeblätterten Lack und ein paar Roststellen an den Scharnieren wieder wie neu.

In dem Häuschen führt eine Treppe nach unten in einen kleinen Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Namen vollgekritzelt sind. Ein schmutziger Drehschalter schaltet eine schwache Neonröhre an, sodass der Besucher die Namen entziffern kann, auch wenn er selbst keine Lampe mitgebracht hat. Der Name jedes Menschen, der in Deutschland innerhalb des nächsten Jahres einen Autounfall erleiden wird, egal ob tödlich oder nicht, steht an den Wänden. Immer findet der Besucher auch seinen eigenen Namen. Man kann Namen hinzufügen, wenn man einen Platz für sie findet, was den gleichen Effekt hat, als hätten sie dort von vornherein gestanden. Es ist auch möglich Namen von der Liste zu entfernen, indem man sie mühsam aus der Wand kratzt. Nur die Entfernung des eigenen Namens hat keine Auswirkungen auf die Zukunft, dieser Unfall wird sich im kommenden Jahr auf jeden Fall ereignen.

Hier gibt es einen alternativen Nutzen des Raums.

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