Besuch mit meiner Nachbarin

Es ist nicht einfach, unbeschadet den Okkulten Untergrund zu überleben. Vielleicht hat der ein oder andere da draußen meine Artikel vermisst, obgleich sie sehr Rar waren und die letzten qualitativ sehr nachgelassen haben. Nun, es gibt keine Entschuldigung, viel eher einen Grund: der Okkulte Untergrund fordert seinen Tribut, bei mir in Form eines mehrwöchigen Aufenthaltes in einer geschlossenen Anstalt.

Jetzt bin ich raus und nachdem ich einige Zeit überlegt hatte, den Okkulten Untergrund hinter mir zu lassen, habe ich mich letztlich doch dagegen entschieden.

Das folgende war meine letzte Arbeit vor dem Aufenthalt in der Klinik.

Ich zog in einer kleinen Mietwohnung, in einem etwas heruntergekommen Viertel ein. Ich verbrachte viele Tage damit, mit mir ins Reine zu kommen, als mir irgendwann meine Nachbarin auffiel. Sie war ein junges, hübsches Mädel, 25 Jahre wenn ich schätzen müsste – osteuropäische Herkunft nehme ich an. Beinahe jeden Abend bekam ich mit, wie sie Männer und auch Frauen zu sich einlud. Anfangs erregte es nur kurz meine Aufmerksamkeit, doch bald viel mir auf, dass ich die meisten ihrer Besucher, ich würde sogar behaupten ALLE, nie die Wohnung verlassen sehen habe.

Ich begann, die Sache genau zu beobachten, dokumentierte jeden Gast beim Betreten und nicht verlassen der Wohnung.

Ich hasse Kaffee, er schmeckt widerlich, aber ich trank welchen, ich rauchte eine Zigarette nach der anderen, aber eigentlich war ich Nichtraucher und ich schlief kaum noch. Die Körperhygiene war am Ende, Bart und Haare wucherten wie wild. Zähne putzte ich mir an der Tür vorm Türspion, ich versuchte ihre Tür nicht länger als 42 Sekunden unbeobachtet zu lassen, ich hatte gemessen, dass sie zwischen 43 und 85 Sekunden brauchte um aus dem Aufzug zur Tür zu gelangen um diese dann aufzuschließen oder eben umgekehrt: raus aus der Wohnung, Tür abschließen und zum Aufzug.

Irgendwann entdeckte ich eine Zeitlücke, in der ich einkaufen gehen, Essen kochen und all die anderen wirklich wichtigen Erledigungen machen konnte.

In 49 Tagen hatten 51 Besucher, Männer wie Frauen, ihre Wohnung betreten, 3 verließen diese wieder: der Klempner, der Pizzabote und ein Elektriker.

An Tag 50 lief zunächst alles wie immer. Es war ein Montag, in dieser Nacht war einkaufen in einem der 24h Shops angesagt. Um 2.57h beginnt meine Zeitlücke und endet zwischen 6.33h und 9.40h.

Es war ein verregneter Tag, kühler als sonst. Um 3.01h verließ ich meine Wohnung, machte mich mit der S-Bahn auf den Weg zum Einkaufen, da begann auch die ganze Scheisse.

Im Supermarkt schlenderte ich gemütlich mit meinem Einkaufswagen durch die Gänge, ich hatte die Uhr immer im Blick, auch wenn die Zeit bislang immer reichte. Mein Wagen war voll, der Einkauf sollte ja immerhin für eine Woche reichen. In einem der Eckspiegel stellte ich fest, das ich unglaublich scheusslich aussah. An der Kasse sprach mich eine Frau von hinten an, sie redete in einer mir nicht ganz bekannten Sprache, es war etwas Osteuropäisches. Zunächst ließ ich mich nicht von ihr beeindrucken, der Einkauf war mir wichtiger und ich wollte unbedingt die nächste S-Bahn erwischen, nach dem Blick in den Supermarktspiegel, beschloss ich nämlich, die restliche Zeit für Körperhygiene aufzuwenden. Als ich den letzten Artikel auf das Band stellte, sagte ich „entschuldigen Sie bitte…“ dabei drehte ich mich um und naja…, die gute Dame war weg. Gut so, eigentlich.

Ich erreichte die S-Bahn pünktlich, so pünktlich, dass ich es sogar noch schaffte ganz gemütlich eine Zigarette unter freiem Himmel zu rauchen, eine Erfahrung, die ich schon sehr lange nicht mehr gemacht hatte, viel zu lange.

Ich wohnte in einer Plattenbausiedlung, die Gebäude hier hatten zwischen zwölf und zwanzig Stockwerke. Alle irgendwann in den Sechzigern gebaut. Während ich die Treppen zu der Haustür (nicht der Wohnungstür) hinaufging, suchte ich in meiner rechten Hosentasche nach meinem Schlüssel, als ich plötzlich wieder die Frauenstimme aus dem Supermarkt mit ihrer Osteuropäischen Sprache hörte. Ich blickte sofort auf und war völlig erschrocken. Meine Nachbarin stand vor mir, also, meine Nachbarin, die, die ich beobachte. Sie zündete sich eine Zigarette an, strich mir über die Schulter und ging. Für einen Moment schaute ich ihr wie gebannt hinterher. Verdammte Scheisse!!!

Ein kontrollierender Blick auf die Uhr, es war gerade einmal 4.38h, mein Zeitfenster war kein Zeitfenster mehr. Ich rannte die Treppen hinauf, schloss die Haustür auf, lief zum Fahrstuhl. Der Fahrstuhl war noch unten, wir hatten eigentlich zwei Fahrstühle in diesem Gebäude, aber der andere war vor etwa drei Wochen ausgefallen und der Hausmeister hatte keine Lust sich darum zu kümmern.

Oben, im zehnten Stock angelangt, kam mir sofort der muffige Geruch meiner Wohnung entgegen. Ich ging zügig zu meiner Tür, meine Erwartungen wurden erfüllt. Die Tür stand offen…

Alles war vorbei, einfach alles. Die 49 Besucher, ihre 49 Besucher, waren alle tot und hatten ein dickes Loch im Schädel, ein Gehirn gab es nicht mehr.

Das weiß ich, weil ich es gesehen habe, weil die Schlampe ihre Leichen in meiner Wohnung entsorgt hatte. Sie saßen in meinen Sesseln, auf meinem Sofa, in meiner Küche, lagen in meinem Bett, liebten sich in meinem Bett. Die verdammte Schlampe hat die Leichname in meiner Wohnung entsorgt. In dem Moment konnte ich lesen, was sie mir versucht hatte zu sagen, sie hatte diesen Spruch bestimmt hundert Mal an die Wände geschrieben: „kdo se diva, ztratit ze zretele zakladni“ heute weiß ich, das es „Wer beobachtet verliert den Blick fürs Wesentliche“ bedeuten soll.

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