CRASH – Obsession, Pornografie und maschinelle Verformungen

Der Engländer J.G. Ballard (15.11.1930 – 19.4.2009) wurde mit bizarren experimentellen Romanen wie „Crash“ und „The Drowned World“ als fantasievoller Erneuerer der Science Fiction bekannt. Mit apokalyptischen Untergangs-Szenarios, drastischen Sex-Szenen, gewalttätigen Exzessen und polemischen Attacken auf verkrustete Establishment-Strukturen skandalisierte er nicht nur britische, sondern insbesondere auch amerikanische Kritiker und Verleger. Seine Überzeugung, die Realität sei ein fragiles, surrealistisches Bühnenbild, deren hübsche Fassaden jederzeit zerfallen und in Katastrophen enden können, machen ihn zu einer Inspirationsquelle für die postmoderne Magie von Unknown Armies.

Im Rahmen des Themengebietes „Autos und Verkehr“ im nächsten Kassiber, wollen wir insbesondere seinen Roman „CRASH“ und dessen Verfilmung durch David Cronenberg aus dem Jahr 1996 unter die Lupe nehmen. Die Stimmung in Buch und Film sind annähernd gleich, wobei der Spielort für den Film von London in die USA versetzt wurde.

  • Crash (Kanada 1996) – FSK: ab 18
  • Regie/Drehbuch: David Cronenberg
  • Musik: Howard Shore
  • Darsteller: James Spader, Holly Hunter, Deborah Unger, Elias Koteas, u.a.

Der monotone Alltag des Filmproduzenten James Ballard (der bis auf den Nachnamen keine autobiographischen Bezüge zum Autor hat) erlebt nur wenig Abwechslung in einer grauen, anonymen Großstadt. Ein Autounfall ändert alles. Quietschende Reifen, zersplittertes Glas und der Knall des Metalls bringen in Ballards Leben neue intensive Gefühle.

Mit dem Arzt und Wissenschaftler Vaughan, einem von Schrammen und Narben im Gesicht übersäten Mann, findet Ballard seinen Meister und Mentor. Vaughan fördert nicht nur die Auslebung der Sexualität im Fahrzeug, sondern okkultisiert auch die Maschine mit einer subversiven Ideologie. Denn der weitere logische Schritt für Vaughan zum Maschinenkult und dem sexuellen Appeal von Crashs ist die sexualisierende Wirkung von maschineller Verformung auf den menschlichen Körper. Ohne jegliche Vorwarnungen wird der Protagonist aus der für den Zuschauer bekannten Realität herausgerissen und in eine komplett fremde, perverse, skurrile Welt voller Gewalt, Triebbefriedigung und Sex entführt.

Die Figuren leben dabei zwar in einer Welt, die der unseren ausgesprochen ähnlich sieht, ihr Innenleben, ihr Begehren und ihre Motivationen aber gehören einem anderen Universum an, einer anderen Seelenkonstruktion, die die Figuren annehmen, sobald sie in einen Autounfall verwickelt worden sind. Der Unfall ist nicht nur der grimmige Flash, der die Protagonisten süchtig macht, er ist auch das Tor zu einem vollkommenen Umbau der Persönlichkeit, der erste Schritt einer „Umwandlung“. Das Setting, Autobahnen und Flughäfen, sind dabei nicht vertraute Kulisse, sondern so fremdartig wie die Rückseite des Mondes. Die im Buch beschriebenen „Autobahnüberführungen wie geschwungene Knochen“ scheinen aus einer anderen Zeit gefallen zu sein. Im Film sind es Bilder voller Blut, von einem toten Hund, die Perücke in der Rekonstruktion von Jayne Mansfields tödlichem Unfall, die die Idee von Obsession radikal darstellen.

Insgesamt kann ich für „Crash“ nicht wirklich eine Empfehlung für jedermann aussprechen. Die Faszination bezüglich der ungewöhnlichen kühlen Inszenierung, aus Ekel gegenüber den entemotionalisierten, profanen, kalten Sexszenen und aus Bestürzung über die Entwicklung und Formung des ohnehin passiven und identifikationsarmen Protagonisten kann vielleicht nicht jeder nachvollziehen.

Kritikern machten dem Film Vorwürfe der Pornografie, Stumpfsinn, Nicht-Vorhanden-Sein von Dramaturgie und immerwährende Wiederholungen von Handlungselementen. Englische Kritiker bezeichneten „Crash“ als „krank und bösartig“ und in London wurde die Aufführung kurzum verboten. Für den Unknown-Armies-Spielleiter bleibt ein faszinierendes Beispiel, wie Obsession über Wahnsinn in eine Art Adeptentum übergehen kann, wenn nur genug Menschen den gleichen Irrsinn teilen.

Link zum Trailer

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