Cronenberg

„Es gibt ein Gedicht, in dem wird eine Ratte zur Währungseinheit.“
„Ja, das wäre interessant“
 „Ja. Das hätte Auswirkung…“

Cronenbergs Filmwelt war immer eine Inspirationsquelle für Unknown Armies. Seien es obsessive Autoliebhaber wie die Velomanten aus „CRASH“, Snuff-Film-Abhängige wie in „Videodrome“, der schwer depressive Lehrer mit tödlichen Vorahnungen in „Dead Zone“, die unzertrennliche Gynäkologen-Zwillinge aus „Dead Ringers“ oder die Reise eines eiskalten Plutomanten wie in seinem neusten Film „Cosmopolis“.

David Cronenberg, 1943 im kanadischen Toronto geboren, hatte Naturwissenschaften studiert, ehe er herausfand, daß es wesentlich interessanter wäre, eigene Wissenschaften zu erfinden: Science fiction im wörtlichsten Sinn. Berühmt und berüchtigt wurde er so vor allem durch sexuell aufgeladene und verstörende Werke, die Horror besonders auf der körperlichen Ebene ansiedeln (daher sein Spitzname „Meister des Body Horrors“), die sich aber stets mit (zu ihrer Zeit) aktuellen wissenschaftlichen Themenbereichen Infektionen, Mutationen, Medien, virtuelle Realitäten usw. beschäftigen. In seinen frühen Filmen („Stereo“ (1969) bis „The Brood“ (1979)) untersuchte er die menschliche Sexualität und ihre biologischen und biopolitischen Aspekte. In seiner zweiten Phase („Scanners“  (1980) bis „The Fly“ (1986)) waren es vornehmlich die Medien und das „neue Fleisch“. In der dritten Phase („Dead Ringers“ (1988) bis „M. Butterfly“ (1993)) Fragen der Identität, in der vierten („CRASH“ (1996) bis „Spider“ (2002)) verschiedene Fragestellungen über Virtualität, Sexualität und Wahnsinn. In seinen jüngsten Filmen („History of Violence“ (2005) bis zum aktuellen „Cosmopolis“) hat er die Pfade des Phantastischen völlig verlassen und fixiert die Strukturen der Gewalt und Macht.

Kritik wie Publikum begegnen seinen Filmen mit höchstem Lob, aber auch mitunter mit vernichtendem Urteil. Cronenberg selbst ist sich der Gefahr bewußt:
„Ich bin sicher, es gibt einen Punkt, an dem man beginnt, einen großen Teil des Publikums zu verlieren, da man zu extrem ist. Dann wieder ist einer der Gründe, warum die Leute meine Filme gerne sehen, daß sie erwarten, daß ich weiter gehe, als sie es selbst tun würden.“

Denn seine Filme sind schockierend, gerade weil sie so nah an unsere alltäglichen Erfahrungen von der Eigenwilligkeit des Körpers und des Unbewußten herankommen. Das Unheimliche ist bei Cronenberg nicht das ganz Andere, sondern vielmehr gerade das Vertraute (beispielsweise der eigene Körper), das einem zum Rätsel geworden ist.  Wie schrecklich und gewalttätig die Revolte des Körpers ausfällt, zeigen gerade seine frühen Filme mit ekelerregender Schonungslosigkeit und doch reagiert man darauf nicht nur mit Abscheu, sondern auch mit einer irritierenden Geilheit. Aber auch in seinen neueren ist die Gewalt meist brutal schonungslos („History of Violence“, „Eastern Promises“) und erotisierend („Eine dunkle Begierde“).

 Cosmopolis

 

In seinem neusten Film „Cosmopolis“ nach dem Buch von Don DeLillo erzählt Cronenberg die Geschichte eines Tages im Leben des jungen Milliardärs Eric Packer (Robert Pattinson). Im Schneckentempo rollt dessen Stretchlimousine durch ein geisterhaftes Manhattan, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dass er einen Haarschnitt braucht. Auf dem Weg dorthin steigen Leute ein, mit denen der 28-Jährige diskutiert, philosophiert oder Sexspiele treibt. Parker kann sich alles leisten und langweilt sich, während um ihn herum das Chaos ausbricht und langsam zur Bedrohung wird.

Ein Happy-End gibt es bei Cronenberg eigentlich nie. Seine Filme lassen Fragen offen, geben einen tief pessimistischen Ausblick. Und dem Zuschauer wird der paranoide Gedanke eingepflanzt, daß in diesen Bildern selbst ein Virus stecken könnte.

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Hier noch ein 13 minütiges Radio-Feature über David Cronenberg und seinen neuen Film ab 12:45 min (falls ihr euch zu „Cosmopolis“ nicht spoilern lassen wollt, hört am besten erst ab 17:00 min rein).

 

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