Review: Dark Corners (Film)

Susan Hamilton könnte eine glückliche Ehefrau sein, mit einem tollen Haus und einem sie anbetenden Ehemann, doch zwei gravierende Missstände belasten ihre Existenz: Erstens kann sie keine Kinder bekommen. Zweitens träumt sie, sobald ihr die Augen zufallen, höchst realistisch vom grauenhaften Dasein als mittellose Leichenwäscherin namens Karen Clarke.

Diese sieht aus wie ihr schwarzhaariger Zwilling, lebt in einer heruntergekommenen Behausung, arbeitet bei einem düsteren Bestattungsunternehmen, wird auf ihrer täglichen Busfahrt von grotesken Personen angegafft und wacht morgens mit blutigen Wunden ohne Erinnerung auf, nur in Gedanken an die Alpträume von einer blonden Frau namens Susan Hamilton, die ihr blonder Zwilling sein könnten.

Kurz gesagt, beide leiden unter Alpträumen, in denen jeweils die andere im Mittelpunkt steht und zudem scheinen sich beide im Visier eines geheimnisvoller Serienmörders, der es auf junge Frauen abgesehen hat, zu befinden. Ist dieser der Schlüssel zu beiden Personen, der das Reale mit dem Fiktiven verbindet? Wer oder was existiert in einer Welt, die nicht das zu sein scheint, was sie vorgibt?

„American Beauty“-Tochter Thora Birch spielt die Doppelrolle in diesem handwerklich solide gemachten britischen Horrorpsychothriller aus dem Jahr 2006. Regiedebütant Ray Gower bezieht seine Inspiration von Genre-Vorbildern wie  „Jacob‘s Ladder“, „Silent Hill“ oder auch „Lost Highway“. Stimmungsvolle Bilder, starke Darstellerleistungen und einige originelle Gore-Effekte unterstreichen den positiven Eindruck eines überdurchschnittlichen Low-Budget-Horrorfilms.

Gower fügt geschickt surreale Szenen in den Verlauf ein, so dass immer wieder makabere Momente daraus resultieren und dank einer passenden Sounduntermalung eine bedrückende Atmosphäre eingefangen wird. Dies betrifft nicht nur die dunkle Ebene, sondern auch das hellere “Realität“ (mit den Ängsten, die mit einer künstliche Befruchtung einhergehen), was schnell zu einigem Befremden führt, wenn der Zuschauer begreift, dass diese Ebenen auch mal ineinander übergreifen können.

Viele Szenen spielen sich wie im Traum ab, weil formale Eigenschaften völlig außer Acht gelassen werden. So rät ein Hypnosetherapeut erst einmal das Symptom der Patientin, bevor die zu Wort kommt, an anderer Stelle steht eine Verstorbene vom Leichentisch auf und diskutiert den Handlungsverlauf, ein blinder Polizeikommissar führt eine Befragung durch und anderswo wird ein Schlüssel erbrochen, der später noch zum Öffnen einer enthüllenden Sache beitragen wird. Viele Personen oder Gegenstände kommen in leicht veränderter Form in beiden Ebenen vor und der Zuschauer rätselt, was Realität sein könnte und was der Alptraum.

Für den Unknown-Armies-Spielleiter ist der Film ein Beispiel dafür, wie man seine Spieler im Ungewissen über die Stabilität von Realität hält. Was passiert, wenn die Charaktere in ihren Träumen unbekannte Personen sehen, die plötzlich auch in ihrer Realität herumlaufen? Ist das, was an Grausamkeiten im Okkulten Untergrund passiert, nicht einfach nur ein Alptraum oder werden die Momente der Realität von irgendwelchen Adepten vorgetäuscht? Hat ein Personomant sich zu tief in eine seiner Persönlichkeiten verloren und kehrt daraus nicht mehr hervor? Hat man sich bei einem Avatar des Händlers die Erinnerung an ein Leben gekauft, das besser als das eigene war? Hat ein Dipsomant einen Dämonen getrunken, dessen Erinnerungen immer wieder an die Oberfläche kommen oder ist man ein Dämon, der die Träume eines Dipsomanten erlebt? All das erkennt man aus den Augenwinkeln schemenhaft in den dunklen Ecken unserer Existenz.

Eintrag in der IMDB.
Eintrag bei Rotten Tomatoes.

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