Das Gedankenfick-Element

Wer beim Wort Mindfuck an eine cerebrale Penetration oder an die Kopfkino-Bilder beim Masturbieren denkt, weist zwar schon die richtige Geisteshaltung auf, um viel Spaß an Unknown Armies zu haben, liegt aber mit seiner Vermutung nur bedingt richtig.
Der Mindfuck – oder wie die Gegner überflüssiger Anglizismen sagen würden: Der Gedankenfick –  ist ein literarisches bzw. cinematisches Element, das oftmals in Thriller oder Horrorromanen/filmen Anwendung findet und dazu dient der Erwartungshaltung des Lesers/Zuschauers mit Anlauf kräftig in die Eier zu treten. Ein gutes Beispiel für einen gelungenen und äußerst befriedigenden Gedankenfick ist Chuck Palahniuks Roman Fight Club und die gleichnamige Verfilmung von David Fincher. Spätestens dann, wenn man von  der Erkenntnis getroffen wird, dass der anonyme Erzähler und Tyler Durden ein und dieselbe Person sind, wird das Gehirn mit dem Samen des Autors/Regisseurs geflutet, was zu tickartig zuckenden Augenliedern und der Frage führt, warum man das nicht schon früher gemerkt hat.
Diejenigen, die das gar nicht erst kapiert haben und Fight Club für einen coolen auf-die-Fresse-Film halten, haben einfach kein Gehirn das es Wert wäre, gefickt zu werden.

Meinen letzten, richtig guten Gedankenfick hatte ich übrigens beim Film Das Waisenhaus, einer spanischen Produktion, die unter der Fittiche des großartigen Guillermo del Toro entstanden ist. Der Twist des Films erwischte mich wie ein D-Zug auf Koks und ich fühlte mich so dermaßen gefickt, dass ich mit offenem Mund vor dem Fernseher saß und immer wieder laut vor mich hin stotterte „Ach, du Scheiße. Ach, du Scheiße“.
Danach brauchte ich erst einmal eine Zigarette.

Wenn es ein Rollenspiel-System gibt, dass einen günstigen Nährboden für Gedankenfick-Elemente vorweist, dann ohne Zweifel Unknown Armies. Schon der Hintergrund bietet ein Fülle an Möglichkeiten, um den Charakteren Dinge vorzugaukeln und sie so zu täuschen, dass sie am Ende des Abenteuers (und der hoffentlich gelungenen Gedankenfick Auflösung) mit offenen Münder in die Leere starren.

Um erfolgreich ein Mindfuck-Element in sein Abenteuer oder in seine Kampagne einzubauen, braucht man als Spielleiter eine gehörige Portion Erzählgeschick und Fingerspitzengefühl, denn die Kunst, es den Hirnwindungen der Spieler ordentlich zu besorgen, ist ein Drahtseilakt, bei dem man einerseits nicht zuviel verraten darf – damit die Spieler nicht gleich wissen, wie und wohin der Hase läuft –, andererseits die Spieler unter Spannung halten muss, damit sie überhaupt eine Motivation haben, in die Gedankenfick-Falle zu laufen.

Abschließend die Bemerkung, dass es mit Gedankenfick-Elementen genau so ist, wie mit allem guten im Leben: Übertreibt es nicht!
Gelegentlich ein Hirn-Quickie oder mal eine ausgedehnte Seelenorgie machen Spaß, wenn man aber als Spieler ständig das erzählerische Glied seines Spielleiters im Ohr stecken hat, lässt das Vergnügen schnell nach.

David Grashoff

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