Der Wanderer

 I was born under a wandrin‘ star. -Lee Marvin

Der Wanderer ist der einsame Mann der Straße. Er zieht ruhelos von Ort zu Ort, ohne feste Heimat und auch ohne Ziel. Er kommt nie irgendwo an. Früher war er der einsame Reiter aus dem Wilden Westen, heute ist er der Trucker, der in seinem Job aufgeht. Er bewegt sich durch die Welt und nimmt die Geschwindigkeit seiner Reisen in sich auf. Wenn er sich darauf konzentriert, kann er diese Energie wieder entfesseln, kann die Schnelligkeit oder die Langsamkeit in sich selbst und anderen finden und beherrschen.

So mancher Wanderer sucht Zeit seines Lebens nach dem einen Ort, an den er gehört, ohne zu erkennen, dass er ihn längst gefunden hat: er gehört auf die Straßen seiner Welt.

Tabus

Der Wanderer darf sich nicht niederlassen. Er darf nicht länger als eine Woche an einem Ort bleiben, und er darf kein eigenes Wohnhaus oder sonstige Immobilie sein Eigen nennen, ansonsten schmälert er die Verbindung zu seinem Archetyp. Wenn er ein Dach über dem Kopf braucht, so muss er dies normalerweise entweder bei sich führen (zum Beispiel ein Zelt oder sein Fahrzeug) oder er muss ein öffentlich zugängliches Quartier benutzen. Er darf sich nicht wissentlich und unentgeltlich bei einem Freund oder einem Bekannten  einquartieren. Wenn er in einem Privathaus übernachtet, muss er dafür bezahlen, selbst wenn es nur ein symbolischer Betrag ist. Diese Bezahlung darf auch ein Dienst für seinen Gastgeber sein.

Symbolik

Der Wanderer hat immer ein Reittier oder ein Fahrzeug, zu dem er eine besondere Beziehung hat. Er wird seinem Fahrzeug einen Namen geben und es auf seine Art sehr liebevoll behandeln. Das heißt nicht unbedingt, dass es sich immer um einen chromblitzenden Truck oder ein frisch lackiertes und poliertes Flugzeug handeln muss; ein Außenstehender wird das Fahrzeug vielleicht sogar als Schrott bezeichnen. Doch für den Wanderer ist es seine Heimat und ein Symbol seiner Persönlichkeit. Sie werden einander nie im Stich lassen. Der Avatar trägt meistens eine bestimmte Art von Kleidung und/oder verschiedene Gegenstände, für die er in bestimmten Kreisen bekannt wird. Er wird diese Kleidung zwar wechseln, den einmal gewählten Stil jedoch möglichst beibehalten. Je weiter er auf seinem Weg fortschreitet, desto seltsamer und unnahbarer wird er Fremden gegenüber erscheinen. Er wirkt verschlossen und eigenbrötlerisch, obwohl er durchaus noch Beziehungen zu Freunden und Bekannten  aufrecht erhält, wenn diese seine Eigenheiten verstehen und tolerieren.

Masken

In christlichen Legenden, die im 13. Jahrhundert entstanden, wird von einem Mann berichtet, der Jesus Christus geschlagen oder verletzt haben soll, weil er nicht an dessen Göttlichkeit glaubte, und zur Strafe zu einem unsterblichen Wanderer wurde, der auf ewig die Welt durchstreifen sollte, bis zum Tag des jüngsten Gerichts, wo er seinen Fehler einsehen würde. Ahasver, der „ewige Jude“, wie er in späteren Jahrhunderten genannt wurde, ist eine der bekanntesten Masken dieses Avatars. Der Reisende Gulliver aus Jonathan Swifts Robinsoniade wäre ein weiteres Beispiel und auch Han Solo aus den Star-Wars-Filmen ist eine Maske des Wanderers. Sein Millenium Falcon „macht von außen vielleicht nicht viel her, aber sie hat echt was los.“

Mögliche historische Avatare

Der amerikanische Westen des neunzehnten Jahrhunderts kannte einige der berühmtesten Avatare, und zwar in den ewig umher streunenden Revolverhelden dieser Zeit. Die berühmtesten Beispiele sind sicherlich Banden wie die James-Younger-Gang und die Daltons, aber auch einzelne Männer wie Butch Cassidy und The Sundance Kid, denen der Film Zwei Banditen ein Denkmal setzte. Aber auch Schützen wie Wyatt Earp, die vorgeblich auf der anderen Seite des Gesetzes standen, dürften zu den Avataren des Wanderers gehört haben. Sie alle galten als die schnellsten Schützen ihrer Zeit, waren ständig unterwegs und scheinbar allen Ortsansässigen überlegen. In neuerer Zeit könnte man den rastlosen amerikanischen Stuntfahrer Robert Craig „Evel“ Knievel zu den wahrscheinlichen Avataren des Wanderers zählen.

Auf jeden Fall gehörte dazu wohl Tyron Malone, der als berühmtester Trucker der Welt gilt, zu den Gefolgsleuten des Wanderers. Zeit seines Lebens fand er keine Ruhe, war ständig unterwegs mit aufgemotzten Trucks und irren Ideen. Berühmt wurde er in den Sechziger Jahren, als er mit Old Blue (einem weiß-blauen Dieseltruck) durch die USA reiste, um den Besuchern für ein paar Cent Little Irvy zu zeigen, einen eingefrorenen Pottwal von 20 Tonnen Gewicht und mehr als elf Metern Länge. Ironischerweise starb Malone in den frühen Neunzigern zu einem Zeitpunkt, als er sich zur Ruhe setzen wollte, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Er schlief am Steuer seines Trucks ein und kollidierte mit einem anderen Lastwagen.

Ralf Sandfuchs gibt hier einen weiteren Vorgeschmack auf den kommenden Kassiber mit dem Thema „Auto und Verkehr“

Schreibe einen Kommentar

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen