Des Schneiders alte Kleider

Der alte Mann saß vornüber gebeugt auf dem Tisch, die Beine unter sich im Schneidersitz gekreuzt. Seine Finger rasten in unmenschlichem Tempo über das Stück Stoff, das er in seinen Händen hielt. Die rasende Nadel durchstach das Material mit Leichtigkeit, und fast ohne Pause zog er den Faden hinterher, als böte der schwere Stoff keinerlei Hindernis. Zwischen seinen Lippen drang ein leiser melodischer Singsang hervor, auf den ersten Blick so fröhlich und unbeschwert wie ein Kinderlied, doch mit einem bizarren und düsteren Beiklang, wenn man sich längere Zeit auf die Töne einließ. Wieder und wieder fuhr die silberne Nadel herab, fast so schnell wie bei einer elektrischen Nähmaschine, nur viel präziser, viel zielsicherer. Zur gleichen Zeit steigerte sich der Gesang in der stillen Werkstatt zu einem halblauten Crescendo, dem ungeheure Macht innezuwohnen schien, bis das Lied, das niemand je gehört hatte, schließlich in einem letzten Ton verging…  

In einem Artikel im kommenden Kassiber wird Ralf Sandfuchs den Archetyp des besessenen Schneiders beschreiben und neben einer Vielzahl von Kleidungsstücke / Artefakten, die dessen Werkstatt entnommen wurden, auch eine Kampagnenidee geben, die euch hoffentlich nach Strich und Faden begeistern wird. Hier eine kleine Stoffprobe: 

Lady in Dead

Artefakt: Ein atemberaubend geschnittenes rotes Seidenkleid.

Positive Wirkung: Das Kleid formt den Körper der Frau, die es trägt, so attraktiv wie möglich, ohne den Körper jedoch vollends zu verfälschen. Die Macht des Kleides wird sogar die nicht vom Kleid bedeckten Körperteile (zum Beispiel Gesicht oder Haare) betreffen. Trotzdem wird man die Frau immer eindeutig erkennen.

Negative Wirkung: Wer das Kleid zu oft trägt, der wird spüren, wie der reale Körper sich immer mehr vom gewünschten Ideal entfernt: wer sich schlanker machen lässt, wird unweigerlich dicker werden; wer sich mehr Oberweite geben lässt, wird im Gegenzug eine immer geringere Körbchengröße bekommen.

Geschichte: Nadine Pietsch war nicht das, was man als klassische Schönheit bezeichnen würde. Sie hatte etwas zu viel hier, ein bisschen zu wenig da, das Gesicht zu rund, die Haare zu farblos. Sie war nicht hässlich, aber sie verlor immer wieder gegen die hübschen Dummchen.

Als wieder einmal ein großes gesellschaftliches Ereignis anstand, beschloss sie, dass sie diesmal nicht zu den grauen Mäuschen gehören wollte. Sie besuchte den örtlichen Schneider und gab ein Kleid in Auftrag, in dem sie einfach umwerfend aussah. Gegen einen „kleinen“ Aufpreis sollte sie viel mehr bekommen, als sie erwartete.

Sie war der absolute Hingucker des Abends, doch nun wollte sie mehr. Sie tauchte immer wieder mit dem Kleid auf.
Irgendwann verlangte ihr Körper die „Droge“ der eigenen Schönheit so sehr, dass sie nicht mehr ohne das Kleid leben konnte, so sehr, dass sie sich weigerte, es überhaupt noch auszuziehen.

Das Ende kam, als sie von einem Ball einen Mann nach Hause mitnahm. Kaum zog sie das Kleid aus, da schlug ihr Körper zurück, und sie veränderte sich vor den Augen ihres Gastes. Der junge Mann schrie entsetzt auf und floh aus ihrem Appartement.

Nadine Pietsch wurde am nächsten Morgen tot aufgefunden, das leere Tablettenröhrchen noch in der Hand. Sie wurde in ihrem roten Kleid beerdigt.

Abenteueridee: Die Charaktere erfahren, dass ein Grab auf dem örtlichen Friedhof geschändet wurde. Der Sarg wurde aufgebrochen, und der Leiche wurde das Kleid ausgezogen, in dem sie beerdigt worden war.

In den nächsten Tagen hört man Gerüchte im Untergrund, nach denen angeblich eine betörend schöne Frau in einem roten Kleid eine Bank überfallen haben soll. Die männlichen Angestellten konnten sich danach an nichts mehr erinnern, außer an das rote Kleid. Die einzige Frau in der Bank, eine zufällig anwesende McAttack-Mitarbeiterin, wurde tot aufgefunden, die Augen weit aufgerissen, als habe sie etwas so Entsetzliches gesehen, dass es sie umgebracht hat.

 

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