Die diamantene Seele

Es gibt seit dem klassischem Altertum, dem Mittelalter durch die Renaissance bis in die Neuzeit den weitverbreiteten Glauben, dass Kristalle wundersame Kräfte besitzen. Und ein Kristall stach dabei immer hervor, der Diamant. Er besteht aus reinem Kohlenstoff. Er kann Stahl schneiden wie Papier. Er gilt als Schutzmittel gegen Dämonen und böse Geister. Und er ist einzigartig schön: In geschliffener Form beginnt er zu funkeln, weil der Kristall das einfallende Licht ins Auge des Betrachters zurückwirft.

Der Diamant ist ein Symbol für das Unzerstörbare, Unvergängliche, für makellose Reinheit und Transparenz, also Wahrheit. Besonders Frauen scheinen die glamourösen Brocken als Ausweis wahrer Leidenschaft zu schätzen, die sich im Notfall sogar versilbern lassen: „Diamonds Are a Girl“s Best Friend“, sang einst die Ikone Marilyn Monroe.

Und schon immer versuchten Menschen, dieses von der Natur geborene Juwel mit menschlichen Mitteln nachzuahmen. Es gab viele schlechte Kopien, jedoch nur wenige Versuche die wahre Essenz des Kristalls zu schaffen. Moderne Alchemisten arbeiteten inzwischen vor allem in der ehemaligen Sowjetunion, in Russland, Weißrussland, der Ukraine und Usbekistan seit dem Ende der vielen geheimen Rüstungs- und Raumfahrtprojekten der Sowjetunion an der Perfektionierung einer solchen Methode.

In obskuren Pressen von der Größe einer Tiefkühltruhe entfachten sie dämonische Gewalten und züchteten Diamanten bis zu einer Größe von sechs Karat. Doch es gab darunter auch Wissenschaftler, die ein anderes eher unscheinbares Material in Diamant verwandeln wollten, um dieses ebenso rein wie unzerstörbar zu machen: die menschliche Seele.

Sie bedienten sich den geheimen Schriften, die Mitte der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von sowjet-russischen Agenten aus den Tempeln des Dalai Lama in Lhasa gestohlen wurden und faszinierende Rituale beschrieben, in denen die Vajrasattva, die Diamant-Seele, beschrieben wurde. Auch hier ist eine besondere Form von Druck der Schlüssel zur Lösung.

Als zusätzliches Hilfsmittel entwickelten im Jahre 2007 sibirische Narco-Alchemisten, die sich auf den mongolischen Schamanismus berufen, eine Droge namens Tschimdschi, die die menschliche Seele öffnet und so die Transformation vorbereitet. Obwohl Tschimdschi ihren Weg auch in die Partyszene der russischen Metropolen fand und dort einen Ruf als besonders abstoßende Horrordroge erlangte, ist sie der Schlüssel zur einfachen Erlangung der diamantenen Seele.

 

Vajrasattva, die diamantene Seele (Ritual)

Kaid (c) 2013

Nach der Einnahme von einem gehäuften Teelöffel Tschimdschi fällt die Zielperson für 33 Stunden in einen tranceähnlichen Zustand, wobei sich ihre Augen weit öffnen und während des ganzen Rituals künstlich benetzt werden müssen, um ein Austrocknen zu verhindern. Die Zielperson muss weitestgehend unschuldig sein, also in jedem Aspekt eines Geisteszustands höchstens 2 Härtekerben besitzen. Während dieser Zeit müssen dem Opfer Szenen gezeigt werden, die Stresswürf mindestens der Stufe 5 entsprechen. Diese müssen aus mindesten vier der verschiedenen Aspekten (Gewalt, Isolation, Hilflosigkeit, Übernatürliches, Identität) bestehen. Die Zielperson empfindet durch die Droge diese Szene als noch schlimmer als dargestellt, da die Droge alle in diesen Szenen vorkommenden Personen zu engen Vertrauten des Opfers macht oder der Eindruck vermittelt wird, es ist die Zielperson selbst, die diese abscheulichen Dinge tut oder der sie angetan werden. Stellen dieses Szenen die schrecklichen Ereignisse nicht wirklich dar (ein Mord würde beispielsweise nur vorgetäuscht), so muss allen anwesenden „Schauspielern“ ein Wurf auf Seele gelingen, um die Szene überzeugend ‘rüber zu bringen. Zweifelt das Opfer, so gilt das Ritual als misslungen (s.u.).

Dem Opfer müssen nun alle Stresswürfe hintereinander gelingen, um die Gelegenheit zu haben, die diamantene Seele zu erreichen  Dazu muss ihm zum Ende des Rituals – unter Absingen des geheimen „OM SARVA TATHAGATA SADA SADA IK  SAMAYA SHRIYE HUM“-Mantras ein Wurf unter der Summe der Stufen aller erlittenen Szenen, die zugleich maximal der Seelenwert der Zielperson sein darf, gelingen. Danach besitzt die Person eine diamantene Seele, was heißt dass so viele Traumakerben verschwinden wie die Summe aus dem gelungenen Würfelwurf her gab und sie zudem nun nie mehr Stresswürfe auf Aspekte machen muss, die sie in diesem Ritual durchlebt hat.

Misslingt allerdings auch nur eine der Stresswürfe während des Rituals, so erleidet das Opfer in ALLEN Aspekten einen Traumakerbe und erlangt eine schwere psychische Störung, am besten passend zum misslungenen Wurf. Das gleiche passiert, wenn das Ritual innerhalb der 33 Stunden aus welchem Grund auch immer abgebrochen wird. Wird zudem dabei ein Pasch gewürfelt, erblindet es.

Beispiel: Boris Lavey unterzieht sich freiwillig dem Ritual in einem verlassenen Flughangar in der russischen Stadt Irkutsk. Seine Helfer, ein Kult, der sich die Neuen Innozenten, Новый Иннокентьевцы, nennt, hat bereits alle Vorbereitungen getroffen. Boris lässt sich in einen alten Pilotensitz schnallen, über eine Apparatur werden ihm Augentropfen verabreicht und er nimmt sein Tschimdschi in einem Glas heißem starken schwarzen Tee. Während der Trance werden ihn folgende Szene vorgeführt:

Sein bester Freund Ilya wird hereingeführt. Schreie ertönen, die Boris auffordern zu erklären, ob es sich bei diesem wirklich um Ilya handelt und ob er den Befehl für dessen Liquidierung gibt. Boris wehrt sich, während man versucht ihn durch körperliche Schmerzen zu einem „Ja“ zu zwingen. Irgendwann bricht er schließlich zusammen und seine Lippen formen ein fast tonloses „Ja“. Vor seinen Augen wird Ilya daraufhin über mehrere Stunden grausam gefoltert und schließlich getötet (Gewalt 8, Hilflosigkeit 6, Identität 6). Danach wird Boris Sitz zusammen mit Ilyas Leiche in einer Grube versenkt, von oben stürzen Steine auf ihn und er wird lebendig begraben (Isolation Stufe 5).

Der immer noch schreiende Boris wird nach Stunden aus seinem Gefängnis befreit und unter Absingen des Mantras vergeht langsam die Wirkung des Tschimdschi. Boris Spieler würfelt nun zunächst vier Stresswürfe gegen Gewalt, Hilflosigkeit, Identität und Isolation und schafft alle Würfe. Dann versucht er eine 25 (= 8+6+6+5) zu unterwürfeln und erzielt eine 13. Boris, von vier (1+3) vergangenen Traumata befreit, ruht nun in sich mit seiner brandneuen diamantenen Seele.

Wäre nur eine der Proben misslungen, so würde Boris nun ein zitterndes Wrack inmitten eines kalten sibirischen Industriegebiets mit vier zusätzlichen Traumakerben sein.

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Dies ist ein Artikel zum Thema Ausgepresst für den aktuellen Karneval der Rollenspielblogs.

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