Die Hexe von Warschau

Märchen sind weit mehr als Geschichten. Sie gehören zum kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit – ob sie diesem entstammen oder erst durch ihre weite Verbreitung dorthin gelangt sind, lassen wir einmal dahingestellt.

Blickt man durch die Linse des okkulten Untergrunds auf die Märchen, wird einem bewusst, was für krasse Geschichten uns unsere Eltern abends erzählt haben.

Joanna Pajak ist die Chefin eines großen Menschenhändlerrings in Warschau und eine der meistgehassten Frauen des Landes. Üble Gerüchte ranken sich um die gut aussehende Frau Mitte 40: Sie sei Satanistin, heißt es, und würde widerwärtige Rituale durchführen; sie sei eine Hexe mit magischen Kräften.

Ihre Gelüste sind wahrlich eigenartig, aber eigentlicher Grund für ihren Ruf ist eine Technik, mit der sie sich Menschen gefügig macht. Immer wieder – bei Widerspruch, Ungehorsam oder Verrat – bringt sie mehrere Menschen in einen Raum. Sie lässt einer Person ein Stück Fleisch aus dem Körper schneiden, und während sie eine abgeschmackte Rede über Gehorsam und Strafe hält – “Wenn ihr mich betrügt, ist das, als würdet ihr mir ein Stück Fleisch von den Rippen schneiden …” – schmeißt sie das Stück in eine Pfanne und setzt es dem Opfer schließlich vor.

Sie genießt das. Auf eine ihr selbst unangenehme Weise empfindet sie perverse Lust bei diesen Auftritten. Als das junge Geschwisterpaar Hans und Greta (18 und 19 Jahre alt) zu ihr gebracht wird, damit sie bestimmt, in welches Bordell sie gesperrt werden sollen, spürt Joanna eine besondere Kraft, die von den beiden ausgeht. Die Hexe von Warschau will diese Kraft, ihr hungert danach.

Sie lässt die Geschwister zu einem geheimen Ort bringen, um sie dort auszubilden. Sie weiß noch nicht genau, was sie mit ihnen anfangen will und lässt sie erst einmal trainieren und ihre Körper formen – entweder, um sie besonders hübsch oder besonders stark zu machen, je nachdem welchem Zweck sie sie schlussendlich zuführen will. Sie besucht sie jeden Tag, um ihre Fortschritte zu begutachten.

Abgesehen davon, dass die Geschwister ahnen, dass ihnen Unangenehmes bevorsteht, geht es ihnen gut. Sie werden gut behandelt, solange sie hart arbeiten und trainieren.

Der okkulte Untergrund Warschaus hat von der Situation erfahren und beobachtet sie misstrauisch. Die Symbolik der Geschwister in der Hand der Hexe ist zu groß, als dass die Magier und Mystiker sie ignorieren könnten. Ob die Hexe einen dunklen Hunger nach Menschfleisch verspürt, dem sie sich noch nicht getraut hat nachzugeben, sie heimlich in den jungen Hans verliebt ist oder ob es einfach um Macht und Gewalt geht, wird im Untergrund heiß diskutiert. Ein kleiner Zirkel, der von Joannas Menschenhandel profitiert, hat beschlossen, die Geschwister zu töten, um der Geschichte ihre Symbolkraft zu rauben. Unter den Konkurrenten der Hexe ist außerdem jemand, der sie beobachtet und hofft, dass sich die Geschichte mit dem Tod der bösen Frau erfüllt, damit er ihren Platz einnehmen kann.

Auch Hans und Greta spüren, dass sie sich in einer ganz besonderen Situation befinden, und sogar die Hexe bemerkt, dass irgendetwas von Bedeutung entstanden ist und immer weiter wächst, seitdem sie die beiden jungen Leute unter ihrer Kontrolle hat. Das Gefühl von Bedrohung, dass von ihnen ausgeht, wird sie nicht mehr lange ignorieren können.

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