Review: Dylan Dog

Ein Ex-Scotland-Yard-Mitarbeiter, der an Flugangst leidet, ein trockener Alkoholiker, der ausschließlich dunkle Jeans, ein rotes Oberhemd und ein schwarzes Sakko trägt (wovon er ein Dutzend identisch aussehende, im Kleiderschrank hat), ein selbsternannter Detektiv des Grauens („indagatore dell´incubo“), der zugleich ein hoffnungsloser Romantiker und melancholischer Frauenfreund ist, Fahrer eines alten VW-Käfers mit dem Kennzeichen „DYD 666“ und Arbeitgeber eines Assistenten, der Groucho Marx nicht nur ähnlich sieht, sondern auch so heißt und dem filmischen Original in punkto dämlich-tiefgründiger Kommentare in nichts nachsteht. Um sich zu entspannen, spielt er uncoolerweise Flöte oder bastelt Modellschiffe. Trinken hat er, nachdem er seine Sucht besiegt hat, aufgegeben, dafür versucht er jetzt regelmäßig wieder anzufangen zu rauchen, um cooler zu wirken.

Es ist erstaunlich, weshalb er überhaupt immer wieder heil aus seinen Fällen herauskommt – dafür sterben andere umso häufiger. Der Tod, in der Gestalt eines traditionellen Skeletts mit Roben oder als die wunderschöne Frau namens Hope, ist in den Comics omnipräsent. Alles andere sind Monster des Tages, die die feste Sitcom-Welt besuchen und wieder verschwinden. Es gibt Zombies, Vampire, Werwölfe, Gespenster, Hexen, Jack the Ripper, Frankenstein, Dr. Jekyll, gerne mal alles auf einmal. Dass übernatürliches Zeug existiert ist gar keine Frage. Die wahren Monster sind jedoch meist die Menschen – und Dylan durchaus einer von ihnen.

Dabei nimmt sich Dylan selbst nicht allzu ernst. Ganz bewusst hat der Autor und Journalist Tiziano Sclavi hier einen Antihelden geschaffen und damit eine Kultfigur des  italienischen fumetti, der vom ersten Jahr (1986) an in Italien (und später anderswo in der Welt) einen unglaublichen Erfolg genießt. Dies ist nicht zuletzt der außergewöhnlichen Schwarzweiß-Düsternis der Zeichnungen sowie dem filmischen Touch zu verdanken, der die komplette Serie durchzieht, wobei letzterer bisweilen in eine ziemliche Filmzitate-Sammlung ausartet, ohne jedoch die Story zu stören oder zu gefährden – oder gar über Gebühr zu ironisieren. Das geht soweit, dass große Teile bekannter Erzählungen, wie “Das Schweigen der Lämmer“ oder “The Green Mile“ in einzelnen Folgen verarbeitet werden.
Und Sclavi macht kein Geheimnis aus den Werken, die ihn beeinflusst haben. Da wäre in erster Linie David Lynch (insbesondere „Elephant Man“), Todd Brownings „Freaks“ und immer wieder Alfred Hitchcock. Geschmeichelt von Umberto Ecos offener Verehrung baut Sclavi auch häufiger Zitate dieses Meisters ein. Dylan selbst ist optisch dem Schauspieler Rupert Everett nachempfunden, sein Name dem Autor Dylan Thomas entliehen, seine Adresse, Craven Road 7, dem Regisseur Wes Craven.


Dylan und Unknown Armies

Doch ungeachtet der brodelnden Zitateküche nehmen Sclavi und seine Zeichner die Gestalt Dylan Dog ernst, auch wenn künstlerische Brechungen und Verfremdungseffekte immer wieder durch die Geschichten mäandern. Und das ist es auch, was die Figur für den Unknown-Armies-Spielleiter interessant macht. Die Geschichten spielen mit Zitaten aus der Horror-Welt und ordnet sie neu und überraschend und durchbricht auch mal die “Vierte Wand”, wenn der Zeichner von Dylans Zombie-Abenteuer selbst in einer Welt von Zombies lebt. Und deshalb ist die Frage nach Realität und Fiktion in den Geschichten mehr als fliessend. Ähnlich wie sein ernsteres Alter-Ego John Constantine lebt er in einem okkulten Untergrund parallel zur normalen Gesellschaft.

2001 brachte der Carlsen-Verlag den Comic in Deutschland auf den Markt. Aufgrund mangelnder Nachfrage stellte er allerdings die Serie nach Band 20 im November 2002 wieder ein. Die Edition Schwarzer Klecks führt die Serie dankenswerterweise seitdem in niedriger Auflage monatlich fort. Da man sich bei dieser Ausgabe auf ein „Best of“ beschränkt (wohl leider auch beschränken muß), fehlt eine klare Chronologie.

Optisch halten die wunderschönen Coverillustrationen von Claudio Villa und später Angelo Stano die einzelnen Ausgaben zusammen. Für die amerikanische Version wurde Mike Mignola bemüht. Man findet eine Vielzahl an Autoren und Künstlern, die sich an dem Setting versuchen, ähnlich wie die verschiedensten Regisseure einzelne Episoden einer TV-Serie drehen, mit meist sehr gutem Ergebnis. Die schönsten Geschichten erzählt nach wie vor Tiziano Sclavi selbst, der schließlich einen guten Teil seiner Person auf Dylan projiziert hat.

Dylan abseits des Comics

Es gab Computerspiele (Dylan Dog – The Murderers)  und sogar ein kurzlebiges Rollenspiel (Dylan Dog – Il Gioco dell’Incubo), doch 1994 erschien der großartige Film “Dellamorte Dellamore” mit dem damals nicht allzu bekannten Rupert Everett in der Hauptrolle. Regie führte der gelehrige Argento-Schüler Michele Soavi.


Everett spielt zwar nicht Dylan sondern den Friedhofswärter Francesco Dellamorte, der jedoch im typischen Dylan-Outfit herumläuft und Zombies auf seinem Friedhof durch einen Schuss in den Kopf oder Enthauptung endgültig in das Reich der Toten befördert. Doch dieser Film erzählt dann  nicht mehr und nicht weniger als eine wunderbar unheimlich-erotisch-poetische Geschichte über Liebe, Tod, Sex, Erwachsenwerden, Freundschaft und – last, but not least – dem Ende der Welt, eine Quintessenz aus den Comic-Geschichten.  Die Handlung basiert auf einem Roman von Sclavi, der wiederum aus der Dylan-Geschichte “Orrore nero” entstammt, in der ein Friedhofswärter namens Dellamorte vorkommt.

Zu bemerken bliebt, dass 2010 in den USA eine neue Dylan-Dog-Verfilmung in die Kinos kam. Regie bei DYLAN DOG: DEAD OF NIGHT führt Kevin Munroe (“TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES” und die Hauptrolle spielt Brandon Routh (“SUPERMAN RETURNS”). Anstelle in London lebt Dylan in New Orleans. Der Film wirkt ein bißchen wie “HELLBOY” trifft auf “BUFFY”, was für einen netten Kinoabend o.k. ist, aber leider nicht an die Genialität des Comics heranreicht.

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