Rezension: INTACTO

INTACTO (Spanien 2001)

„Ich will nichts, was ich nicht gewonnen habe“ -Federico

Es ist fast ein Wunder: Tomás Sanz, ein Bankräuber, überlebt einen schrecklichen Flugzeugabsturz als einziger nahezu unverletzt und kommt auch noch bei der Polizei durch. Doch das Glück hat seinen Preis: er wird aufgefordert, an seltsamen Spielen und Wetten teilzunehmen, die allesamt auf riesigem Glück beruhen und die zunehmend extremer werden.

Das Überqueren einer vielbefahrene sechsspurigen Autobahn nachts mit verbundenen Augen; ein Rennen mit verbundenen Augen durch den Wald mit der Gefahr durch im Weg stehenden Bäumen brutal gestoppt zu werden und russisches Roulette mit nur einer leeren Patronenkammer im Revolver statt der klassischen Variante mit einer Kugel.

Seine Mitspieler sind Federico, der ein gewaltiges Erdbeben überlebte; der alternde Samuel, der während des zweiten Weltkrieges als einziger einer Gruppe  eingesperrter Kinder das Konzentrationslager überlebte und die Polizistin Sara, die ihre Familie in einem Autounfall verlor, der sie verschonte und seitdem von Schuldgefühlen geplagt wird.

Neben Häusern, Finanzvermögen oder kleinen Fingern wird das Glück selbst zum Jeton: Die Gewinner der Spiele fotografieren die Verlierer und fangen so deren Glück in einem Polaroid-Foto. Dann umarmen und küssen sie ihre Opfer und entreißen ihnen damit das letzte Fünkchen Glück. Danach würfeln sie. Die höchste Zahl gewinnt.

Tomás wird zu Beginn durch Federico in die Gruppe der Glücks-Junkies eingeführt und taucht langsam in die Welt einer Subkultur von Glücksspieler ein, die mit ihrem vergötterten Altvater Samuel beinahe schon sektenhafte Züge trägt. Dabei folgt Federico seinen eigenen Plan. Seine Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft nutzt er, um „Begabte“ zu finden, die ihm dabei helfen sollen, Rache an Samuel zu üben. Um einen Sieg gegen Samuel, und damit dessen Tod, zu erringen, arbeitet er mit allen Mitteln: ohne Tomás‘ Wissen setzt er ein Foto und damit das Glück dessen Freundin Ana ein. Und es gibt nur eine Möglichkeit, diese zu retten: Gegen Samuel anzutreten und das Foto zurückzugewinnen.

Dieser Fantasie-Thriller mit seiner bizarren, düsteren, aber dennoch stimmungsvollen Atmosphäre und dem Hauch von David Lynch ist in vielerlei Hinsicht sehenswert. Der Regisseur Juan Carlos Fresnadillo kreiert einen Film, der fast ohne Spezialeffekte auskommt. Es sind vielmehr die psychologischen Konstruktionen und Andeutungen, die die Spannung erzeugen. Darstellung und Wahl der Orte geben dem Zuschauer Schritt für Schritt das Gefühl, in einer fremden Welt des magischen Realismus gelandet zu sein, einer Welt, die unter der Oberfläche der unseren existieren könnte.

Der Übergang in den Hintergrund von Unknown Armies ist damit leicht. Auch hier leben die Charaktere einerseits ein normales Leben; andererseits tauchen sie in eine andere Welt ein, in der einige schon Fuss gefasst haben, andere aber noch lernen müssen in ihr zu bestehen. Menschen und ihre Obsessionen bis in den Tod sind die treibende Kraft in dieser okkulten Welt.

Das symbolische Handeln und Transferieren von nichtgreifbaren Werten wie Glück ist sogar fester Bestandteil der Symbolik beim Avatar des Händlers. Auch die Methode des Erhalten von (magischer) Energie (=Glück?) durch das Eingehen absurder Risiken ist Thema bei der Magie der Entropomanten.

Kurz: INTACTO ist für den Unknown-Armies-Fan ein Muss.

    You-Tube-Trailer

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