Die Maulwurfsmenschen von New York

Beim Blick in Richtung Himmel entlang den glatten Fassaden New Yorks vergisst man schnell, wie tief sich die Metropole in die Erde erstreckt. Wie bei einem lebenden Organismus wird die Stadt durch ein verstecktes inneres System am Leben erhalten. Das Versorgungssystem unterhalb des New Yorker Straßenpflasters ist ein byzantinisches, in verschachtelten Etagen angelegtes Labyrinth, indem sich Minotaurus selbst wohl hoffnungslos verirrt hätte. Es gibt wohl kaum eine Stadt auf der Welt, deren Fundament derart zersiebt, durchkreuzt, perforiert ist. Unter einigen großen Gebäuden wie etwa der Grand Central Station liegen weitverzweigte Kellergeschosse, die schon lange niemand mehr betreten hat.

Einen Überblick über diese Höhlen, Tunnel und Kammern hat niemand. Kein Wunder: Manhattan ist seit dem 16. Jahrhundert vor allem durch Erdablagerungen, Aufschüttungen und Abfall um ein Drittel seiner ursprünglichen Höhe über dem Meeresspiegel gewachsen. Steine, Leitungen, Überreste von alten Kellern, morsche Bretter und Bauschutt, sogar Teile von Schiffen und Pieren finden sich beim Graben.  Die meisten Bewohner der Oberstadt haben nie die gesicherten Geheimkammern der Telefonvermittlungsanlagen, die schon vor dem 11. September in den Untergrund verlegt wurden, mit eigenen Augen gesehen, wissen auch nichts von leer stehenden U-Bahn-Stationen mit Kronleuchtern und Springbrunnen, von unterirdischen Wohnzimmern und Küchen.  Sie wissen nichts von den geheimen Verbindungstunneln zwischen Gebäuden oder von Kanalinspektoren, die Jagd auf Alligatoren machen.

Und nur im Flüsterton wird über die Tausende von Obdachlosen geredet, die hier unter der Millionenmetropole ein warmes Zuhause gefunden haben. Man nennt sie sie Maulwurfsmenschen und die urbane Legende besagt, dass diese sich zu kleinen Stämmen von mehreren hundert Menschen zusammenschlossen. Es wird weiter behauptet, dass sie ihre eigene Kultur entwickelt haben.

Diese Ausgestoßenen zogen sich aus den verschiedensten Gründen in den Untergrund zurück. Die Wohnungsknappheit und die unzureichende Finanzierung des amerikanischen Sozialhilfesystems sind zwei der Gründe. Manche gehen zu ihrer Sicherheit in die Tunnels um sich Dieben, Vergewaltigern und den alltäglichen Grausamkeiten zu entziehen. Viele steigen hinab um sich dem Gesetz zu entziehen und um Drogen und Alkohol zu konsumieren. Andere schämen sich und wollen einfach dem eigenen Anblick in den reflektierenden Schaufensterscheiben der Großstadt entfliehen.

Als Schutz vor den vielfältigen Gefahren (Gewalt, Krankheiten oder auch nur die Gefahr sich zu verirren oder auf eine funktionierende Stromschiene zu treten) bilden sich neue organisierte Strukturen in der Dunkelheit und sichern so das Überleben. Solche Gemeinden sind klar strukturiert mit einer formellen Hierarchie, mit einem Bürgermeister, einem Sprecher und Boten. Jeder Bewohner hat seine Pflichten, wie beispielsweise Wasser holen oder Kochen, doch der Bürgermeister nimmt die wichtigste Rolle ein: er alleine kann entscheiden, ob ein Obdachloser aufgenommen wird oder nicht. Es gibt sogar Gemeinden mit einer Krankenschwester und einer Lehrerin, die die Kinder unterrichtet oder welche, die keine drogenabhängigen Obdachlosen aufnehmen.

Sofern Strom vorhanden ist, wird er vom nächsten Stromnetz abgezwackt und sorgt für ein wenig Licht in der Dunkelheit. Wasser liefern Feuerlöschrohre oder nahe gelegene Tankstellen. Eigentlich könnte man denken, dass das Beschaffen von Essen für die Obdachlosen schwierig sei. Essen gibt es jedoch auf den Abfallbergen New Yorks zur Genüge. Und wenn mal kein Essen vorhanden ist, wird einfach eine fette Ratte über dem Feuer gebraten. Eine wichtige Bedeutung für die Tunnelbewohner haben die Graffitis. Viele Wände sind mit ihnen geschmückt und manch ein Maulwurfsmensch lebt mit dem Gedanken: „Wir haben hier unten Essen, etwas Wärme und wir haben Kunst. Was wollen wir mehr?“

Maulwurfsmenschen (schwache Wesenheit)
„Tiefer, tiefer! Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht.“

Das Leben in der Tiefe wird von manchen der Menschen so verinnerlicht, dass sie das Wesen des dunklen Tunnellabyrinths in sich aufnehmen und übernatürliche Fähigkeiten entwickeln. Es gibt Stimmen im okkulten Untergrund, die behaupten, dass die Zwerge aus der nordischen Mythologie, die ihre Heimat in den unterirdischen „ dunklen Feldern“ (Nidawellir) hatten, sich einst genauso entwickelt hätten.

Körper (gedrungen):70 – Sich durchs Leben schlagen (Handgemenge) 30%; Stundenlang durchs Dunkel laufen (Sportlichkeit) 40%  
Schnelligkeit (vorsichtig): 50 – Ausweichen 25%; Initiative 25%; Sicher durch unwegsames Gelände navigieren (Klettern) 40%
Verstand (durchschnittlich):  40 – Die Tunnel unter Manhattan kennen 40%
Seele (gebrochen): 60 –  Im Dunkeln orientieren 40%

Fertigkeit: Im Dunkeln Orientieren – Nachdem sich ein Mensch über einen Monat nur im Dunkeln unter der Stadt aufgehalten hat, bekommt er die Fertigkeit auf einem Niveau von 15%. Er ist von nun an in der Lage, sich im absolut Dunkeln nur mit Hilfe von Geräuschen, Gerüchen und seinem sechsten Sinn zu orientieren. 

Hier eine weitere Kostprobe aus dem Ende Oktober erscheinenden Kassiber mit dem Thema „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Dann natürlich ausführlicher mit Szenariovorschlägen und den Attributen des New Yorker Albinoalligatoren.

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