New Providence und der Pfad der Unumstößlichen Freiheit

Die Insel New Providence war mit über 200 Quadratkilometer Größe Anfang des 18. Jahrhunderts der wichtigste Stützpunkt der Seeräuber. Piraten nutzten seit dem Ende des 17. Jahrhunderts die von Briten gegründete Siedlung und die umliegenden Inseln in den Bahamas als Versteck und Stützpunkt für ihre Kaperfahrten, so dass die Stadt in den Jahren 1684, 1695 und 1703 wiederholt durch die spanisch-französische Flotte zerstört wurde, allerdings jedes mal ohne bleibenden Erfolg.

Die Piraten bauten die Kolonie stets wieder auf und kontrollierten, nachdem Tortuga und Port Royale aufgegeben werden mussten, seit 1706 von dort aus die Karibik. Der gut gesicherte Hafen, in dem bis zu 500 Schiffe ankern konnten, war eins der Hauptargumente für New Providence. Dazu war das Meer in der Hafenbucht so seicht, dass keine großen Kriegsschiffe einlaufen konnten und aus dem fruchtbaren Hinterland konnte man genügend Nahrungsmittel beschaffen. Zudem erfreuten sich die Seeräuber eines gewissen Rückhalts in der Bevölkerung, da sie gegen die spanischen Eroberer kämpften. Auch die Infrastruktur der Hauptstadt Nassau, die sich vor allem durch die unzähligen Gasthäuser am Strand auszeichnete, war wie maßgeschneidert für alle, die das Auge des Gesetzes scheuten. Etwa zwanzig Piratenschiffe mit durchschnittlich siebzig Mann Besatzung lagen regelmäßig im Hafen.

Den Höhepunkt der seeräuberischen Aktivitäten erlebte die Insel zweifellos in den Jahren zwischen 1715 und 1718. Zwei hochrangige Piraten, Thomas Barrow und Benjamin Hornigold, vertrieben den englischen Gouverneur, der sich ohne jeglichen Widerstand in die nordamerikanischen Kolonien flüchtete, und installierten eine Piratenrepublik. Zu diesem Zeitpunkt wurde New Providence von Freibeutern aus allen Teilen der Karibik geradezu überflutet. Vor allem waren es angloamerikanische Seeräuber, die in Scharen die Bahamas aufsuchten, wo sie relativ ungestört ihre Schiffe warten, gestohlenes Beutegut verkaufen und ihren Bedürfnissen, in erster Linie dem Suff, nachgehen konnten. 2000 Mann lebten nun im Hafen und in den Bretterbauten an Land, und Gesetze gab es keine. 1716 wurde der berüchtigte Blackbeard Magistrat der Insel und ging ebenso von hier auf Kaperfahrt wie auch die Seeräuberinnen Mary Read und Anne Bonny.

 

Die Piratenrepublik und der Pfad der Unumstößlichen Freiheit

Als eine der ersten modernen Schulen der Magie im Zeitalter der Vernunft – neben der Mechanomantie – war der Pfad der Unumstößlichen Freiheit, die auf den Ideen der Autonomie und des freien menschlichen Willens beruhte. Sie kam über Europa, wo die revolutionären Ideen des 18. Jahrhunderts unter dem Eindruck der vorausgegangenen Umwälzungen in Astronomie, Physik und anderen Naturwissenschaften sich gegen kirchliche und staatliche Bevormundung wandten. Während die europäischen Adepten dieser Schule sich in radikalen und subversiven doch allerdings meist theoretischen Denkbewegungen (Skeptizismus, Deismus, Positivismus) ergingen, waren die Piraten intuitive Anhänger der Schule der Libertamantie. Sie konnte dank des Machtvakuums bedingt duch den Krieg aller seefahrenden europäischen Nationen aufblühen, die ihr die Freiheit gab, wirklich außerhalb der Gesetze zu leben.

Die Piraten erweiterten die Idee einer Schutzgemeinschaft wie sie die „Brüder der Küste” darstellte, in der Regeln zur Wahl der Kapitäne und Mannschaften,das Leben an Bord, die Teilnahme an Beutezügen und die Teilung der Beute im Mittelpunkt standen. So bildete sich mit dem Pfad der Unumstößlichen Freiheit ein radikales Gegenstück zu einer autoritär geführten, nicht selten mit der Peitsche durchgesetzten Ordnung auf See. In dieser Bewegung besaß jedes Crewmitglied ein gleichwertiges Stimmrecht, so dass sich demokratische Grundstrukturen einhundert Jahre vor der Französischen Revolution bildeten. Das Piratenschiff wurde zur „schwimmenden Republik“ und das Aufteilung der Beute folgte als Gütergemeinschaft einer Art primitiven Kommunismus.

Symbole der Ordnung wurden angegriffen: Immer wieder wird in Quellen von Piraten berichtet, die beim Kapern der Schiffe einfache Mannschaftsmitglieder verschonten, mit den Kapitänen aber nicht zimperlich umsprangen und gezielt wurde gegen die allseitsverhasste East Indian Company zu Felde gezogen. Es gab Piraten, die aufhörten, am Sklavenhandel mitzuverdienen und statt dessen anfingen Sklavenschiffe zu kapern und die Sklaven zu befreien. Der überlebenden Besatzung und den Sklaven wurde dabei jedes mal freigestellt, an Bord des befreiten Schiffes zu bleiben oder aber sich den Piraten anzuschließen.

Doch bei alldem war es eine Flüssigkeit, das den magischen Effekt vervielfachte: Das dionysische Element, das über die Kehle und ins Blut ging: der Rum. Er gab dem Adepten die Möglichkeit, dem letzten Käfig zu entkommen, der ihn hielt, die Realität.
Im Zustand des Rausches war die Macht des Piraten unbegrenzt, das Meer bot den glatten Raum schlechthin, ein offenes Spielbrett auf dem er erschaffen konnte, was ihm beliebte. Doch anders als die Dipsomanten, die durch den Alkohol Klarheit und Fokussierung erreichen wollen, erreichten die Libertamanten einen Zustand völliger Freiheit von ihrem Verstand. Und so zeigten sich die spontanen Zauber eines solchen Adepten im zufälligen erfolgreichen Gelingen eines jeden Tuns, kurz, es sah aus, als ob bei ihm alles aus reinem Glück klappen würde. Meist ohne, dass er sich später daran erinnern konnte.
Das zentrale Paradox bestand im absoluten Fehlen eines Vorhabens. Sobald sich der Adept entschloss, etwas auf eine bestimmte Art zu machen, konnte es nicht mehr gelingen. Deshalb war auch das schlussendliche Ziel des Pfades der Unumstößlichen Freiheit, einen freien utopischen Piratenstaates namens Libertaria zu gründen, zum Scheitern verurteilt.

Und natürlich gab es auch Piraten, die diesen Weg nicht betraten, Captain Edward Teach alias Blackbeard beispielsweise benutzte eine sehr autoritäre Methode, um sich den Respekt der Mannschaft zu sichern. Damit sie nicht vergessen würden, wer ihr Anführer war, erschoss Teach in regelmäßigen Abständen einen seiner Männer. Ihm wurde allerdings auch nachgesagt, dass er sich den Voodoisten angeschlossen hatte, die ein anderes Seite des okkulten Spektrum verkörperten, doch dazu mehr im nächsten Kapitel „Voodoorituale„.

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