Paul is (not so) dead

Paul McCartney wird heute 70. Zeit sich eines besonderen Gerüchtes zu erinnern, das nicht nur den okkulten Untergrund (und insbesondere die Londoner Drogen-Yogis) 1969 in Aufruhr versetzte.:

 
„Paul is Dead“ by Mark Skay

Der Wahnsinn begann mit einem gespenstischen Anruf in einer abendlichen Radio-Show. Am 12. Oktober 1969 meldete sich ein Hörer namens Tom in der Sendung von Russ Gibb, einem Moderator des Detroiter Lokalsenders WKNR. „Ich wollte mit dir darüber sprechen, dass Paul McCartney tot ist“, sagte Tom mit unsicherer Stimme. Es gäbe Hinweise auf McCartneys Tod auf den Alben.“ Er bat den DJ „Revolution Number Nine„, John Lennons abgedrehte Klangcollage auf dem „White Album“ rückwärts abzuspielen – „dann hörst du die geheime Botschaft.“

Gibb zog das weiße Album aus dem Regal, legte das Vinyl auf den Plattenteller und setzte die Nadel auf die Stelle, an der sich die Worte „Number nine“ in einem monotonen Singsang wiederholen. Mit ruhiger Hand drehte er die Platte gegen die Spielrichtung.

Der erfahrene DJ traute seinen Ohren kaum. So etwas hatte er noch nie erlebt. Im Rückwärtsgang wurde aus der Wiederholung der Worte „Number nine“ etwas ganz anderes. Klar und deutlich hörte er, wie die Stimme auf einmal die Worte „Turn me on, dead man“ sagte. Nur Minuten später, Gibb hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt, stand plötzlich ein aufgeregter Junge in der Tür des Tonstudios. In seinen Händen hielt er das Beatles-Album „Magical Mystery Tour„. Der Teenager wohnte ein paar Straßen weiter und war den ganzen Weg gerannt. „Ich habe auch einen Hinweis, dass Paul tot ist“, keuchte er, „spiel ‚Strawberry Fields Forever‘. Am Ende des Songs sagt Lennon: ‚I buried Paul.'“

In diesem Moment begann eine Hysterie, die sich in den nächsten sechs Wochen wie ein Lauffeuer zuerst in Amerika und dann über den gesamten Globus ausbreiten sollte. Es war die Geburtsstunde des „Paul is Dead“-Hoax, der wahnwitzigsten Verschwörungstheorie der Rockgeschichte.

Eine neue Stufe des Irrsinns wurde erklommen, als Fans meinten, einzig anhand von eifriger Album-Exegese auch den Zeitpunkt und die Art des Todes und feststellen zu können.

An einem Mittwoch um fünf Uhr morgens…
(„Wednesday morning at 5 o’clock as the day begins“ aus „She’s Leaving Home“)

…übersah Paul eine rote Ampel…
(„He didn’t notice that the lights had changed“ aus „A Day In The Life“)

…und bretterte in einen Laternenpfahl.
(Sowohl auf „Revolution 9“ als auch in „A Day In The Life“ kann man das Geräusch eines Autounfalls hören.)

Die Nachricht seines Todes wurde zurückgehalten.
(„Wednesday morning papers didn’t come“ aus „Lady Madonna“)

Tage später fand die Beerdigung statt.
(Dafür wurde das Cover des Albums „Abbey Road“ herangezogen. Auf dem ist John Lennon ganz in Weiß gekleidet wie ein Geistlicher, Ringo Starr trägt einen schwarzen Anzug, wie es sich für einen Leichenbestatter ziemt, George Harrison wurde in seinem legeren Jeans-Outfit als Totengräber identifiziert, und Paul McCartney überquert die Straße im Anzug und als einziger ohne Schuhe und Strümpfe – barfuß, wie man einen Toten beerdigen würde.)

Doch wie konnte McCartney auf einem Albumcover auftauchen, das seinen eigenen Tod beweisen sollte? Die Antwort ist so einfach wie irre: Paul wurde nach seinem Ableben durch einen Doppelgänger ersetzt. Schließlich war er seinerzeit der beliebteste Beatle. Für die Plattenfirma gab es angeblich keine Zweifel – ein Ersatz musste her. Der Rest der Band ließ sich für die Karriere auf diesen faustischen Pakt ein – und hielt bereits drei Jahre dicht. Denn der verheerende Autounfall soll Paul laut den Verschwörungstheoretikern bereits 1966 dahingerafft haben.

Über hundert Zeitungen berichteten über das Phänomen. Von diesem Moment an gingen stündlich rund 3000 Anrufe besorgter Fans bei der Beatles-Firma Apple ein. Sie alle wollten wissen, ob Paul noch lebt. Die völlig überforderten Apple-Angestellten versuchten, die Massen zu beruhigen. Die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ titelte „Paul is not dead“. Nur einer weigerte sich strikt, etwas zu dem Thema zu sagen: McCartney selbst.

Bis heute beschäftigen sich über 120 Seiten im Internet mit den verschiedenen Aspekten des Phänomens. Teils aus Jux, teils mit geradezu kriminalistischem Ernst. Wie zum Beispiel die Seite Turnmeondeadman.com, auf der Ausschnitte aller Songs zu hören sind, in denen sich Botschaften verstecken sollen.

zitiert aus Spiegel – Eines Tages: Rock’n’Roll-Verschwörung

 

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