Resusci Anne

Jeder, der jemals bei einem Erste-Hilfe-Kurs Wiederbelebungsmaßnahmen geübt hat, kennt „Mini Anne“ (engl. „Resusci Anne“), eine aufblasbare Puppe zum Erlernen von Herz-Lungen-Wiederbelebung. Sie besteht aus einem jungenhaften gliederlosen Torso und einem teilnahmslosen Gesicht aus elastischem Plastik. Und dieses Gesicht hat eine Geschichte… 

Im Jahre 1900 wurde die Leiche einer unbekannte jungen Selbstmörderin in Paris aus der Seine gezogen. Angetan von der Schönheit der mysteriösen Toten machte ein Angestellter der Leichenhalle einen Gipsabdruck der „ertrunkenen Mona Lisa“, wie sie der Schriftsteller Albert Camus taufte. Dieser Gipsabdruck machte die Runde in den literarischen Zirkeln der Stadt und darüber hinaus. Nabokov schrieb ein Gedicht namens “L’Inconnue de la Seine”, Rilke erwähnt sie in seiner einzigen Novelle, Man Ray fotografierte sie und ein Charakter in in Louis Aragons Novelle „Aurélien“ versucht sie wiederzuerwecken. In „The Savage God: A Study of Suicide” schrieb der englische Lyriker Al Alvarez 1972: “Mir wurde berichtet, dass eine ganze Generation deutscher Mädchen ihr Aussehen imitierte… Die >Unbekannte< war das erotische Ideal dieser Zeit, sowie die Bardot, die der Fünfziger war.“

1958 wurde das erste Modell dieser Puppe vom US-amerikanischen Arzt Peter Safar,dem „Vater der cardiopulmonalen Reanimation“, und dem norwegischen Spielzeugfabrikanten Asmund Laerdal entwickelt und hergestellt. Ihr Gesicht ist seither vielleicht das meistgeküsste aller Zeiten.

Im okkulten Untergrund kursiert die urbane Legende, dass die unbekannte Tote eine Vorfahrin des jungen Künstlers war, der die Puppe für Laerdal herstellte. Seine Intention war es, ein Artefakt zu erschaffen, welches das traurige Mädchen zurück von den Toten holen sollte. Und seither gibt jeder, der seine Lippen auf Annes Lippen oder einfach ihr Herz drückt, der Unbekannten etwas von seinem Leben ab. Und so dauerte es nicht lange und Anne war zurück…

Das Problem war nur, niemand erwartete die Popularität dieser Puppe, die nun seit fünfzig Jahren Lebenskraft aus aller Welt in sich sammelt.

Am Anfang schien alles in Ordnung. Die Unbekannte kam aus ihrem nassen Grab zurück in ihre ehemalige Wohnung in einem Vorort von Paris, die der Puppenmacher inzwischen angemietet hatte. Nachdem der Schock ihrer Wiederbelebung verklungen war, wurde sie wieder das vitale Mädchen von einst, das immer noch mit melancholischem Blick ihrem Liebhaber, dem Auslöser der Tragödie, nachtrauerte…

Dann, einige Jahre danach, erschien sie wieder auf der Schwelle zu ihrer Wohnung, bleich und tropfend. Und, weniger als ein Jahr später, erneut…

Die Puppe wurde in riesigen Stückmengen produziert und begann ihren Siegeszug durch die Welt, und die Unbekannte kam wieder, kalt und tropfend, wenigstens einmal in der Woche. Der Puppenmacher begann panisch zu werden und nach einer Lösung zu suchen. Bald wurde der Platz im Keller und zwischen den Bäumen im Garten knapp.

Und die Unbekannte kommt noch immer…

Seit kurzem wurde ein neues Produkt auf einer Waffenbörse in Texas vorgestellt. Wenn man am Schießsport interessiert ist und der lokale Schießstand einen Sinn fürs Aussergewöhnliche hat,  könnte man schon darüber gestolpert sein. Das Gesicht der Zielscheibe ist nicht besonders detailiert, aber wenn man weiß, wonach man sucht, sind die Ähnlichkeiten klar. Die Firma hat die Vorgabe, das Produkt in kürzester Zeit in großen Mengen zu verkaufen , denn die Unbekannte kommt immer noch nach Hause, naßkalt und tropfend,  und sehnt sich nach ihrem Liebhaber…

Dieser Beitrag zum kommenden Kassiber entstand nach einer Idee von Scott Dorward.

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