Sauerkraut ist Kinderhaut – UA in Deutschland

„Unknown Armies ist schon echt cool. Aber so richtig geht das doch nur in Amerika, oder?“. So ähnlich hab ich das oft gehört, und hör’s noch. Ich weiss, dass das nicht stimmt, weil ich eine lange Kampagne und viele One – Shots und Kurzmapagnen mit deutschen SpielerInnen vor deutschem Hintergrund gemacht habe, und von anderen Gruppen weiss, die es auch gemacht haben. Über mangelndes UA – Feeling hat sich dabei niemand beschwert. Im Gegenteil: Bei der Frage „Deutschland oder USA?“ hiess es aus meiner Gruppe irgendwann nur noch „Och nee, lass uns mal hier in Berlin was machen.“, weil die Leute es einfach cool fanden, die eigene vertraute Umwelt durch die UA – Brille zu sehen und noch hinter den alltäglichsten Dingen okkulte Verschwörungen zu wittern.

Zugegeben: Die Originalausgabe von UA ist schon sehr amerikanisch. Sie spielt mit Mythen und Versatzstücken der U.S. Popkultur und der dortigen Alltagswelt: Trailerparks, Elvis und Monroe, Gewalt- und Waffenfaszination, consumer culture, Bigfoot und Elvis, Indianerreservate, endlose Highways und Wüsteneien und die gleichzeitige Obsession mit und Unterdrückung von Sex und Drogen. Mythische Orte werden bewusst eingesetzt, am deutlichsten in „TO GO“, der Grosskampagne, in der Städte zu Chakren des Landes werden. San Francisco, die Stadt der Liebe. New York, Medienhauptsadt. Los Angeles, wo sich Silikon und Silizium treffen. Area 51. Der Safeway an der Ecke.

Und das alles soll sich transportieren, übersetzen lassen?

Nein, aber das ist auch gar nicht nötig. Und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens ist auch deutschen SpielerInnen ein grosser Teil der Assoziationen vertraut, die zum Verständnis der amerikanischen Bücher nötig sind. Gerade weil es hier weniger auf Faktenwissen als auf ein Gespür für Symbolik ankommt, können auch Deutsche, die über Medien und globale Popkultur mit amerikanischen Ikonen in Berührung gekommen sind, die vorliegenden Szenarien nachvollziehen. Sie werden zwar die dort präsentierte Version der USA anders sehen, als das U.S. – Publikum selbst, nämlich mehrfach gebrochen und vermittelt, aber funktionieren tut es – und vielleicht ist dieses „deutsche Amerika“ noch um einiges mysteriöser und geheimnisvoller als das Original. Wer täglich auf dem Highway zur Arbeit rauscht, hat möglicherweise weniger Zeit, ihn noch als Sehnsuchtsort zu verklären. Da kann Abstand auch hilfreich sein.

Zweitens gibt es auch in Deutschland genügend Merkwürdiges, das zu Paranoia und hilflosen selbstgebastelten Erklärungsversuchen einlädt. Beispiel Lindenstrasse: Warum ist diese schräge Serie so erfolgreich? Was, wenn es wirklich irgendwo eine Strasse gibt, deren Bewohnern ständig die schlimmsten Unglücksfälle zustossen? Wer wird dadurch geschützt? Beispiele aus der Politik: Was wollte die RAF wirklich? Wenn man ihre Verfolgung durch die BRD unverhältnismässig findet – was wollte der deutsche Staat ihr abjagen? Hannelore Kohls Lichtallergie – war der Dicke deshalb so lange Kanzler? Heino kann übrigens auch nicht geradeaus gucken. Die Attentate auf Schäuble und Lafontaine – was ist an den „unterirdischen Menschenfabriken“ wirklich dran? Warum ist auf der Kinderschokolade alle paar Jahrzehnte ein neuer Bengel drauf (wer jetzt sagt: „Markenpolitik“ ist ein armes Schaf, das ewig in der Herde einhertrotten wird)? Was geschah wirklich mit Joseph Beuys, als er mit seinem Jagdflieger abstürzte? Und was hat das mit seinem Engagement bei der grünen Partei zu tun? Klaus Kinski gab auf deutschen Bühnen den Jesus, und zog dann mit einem Filmteam durch den südamerikanischen Dschungel, wo ein ganzes Boot über einen Berg gezogen wurde. Die angestellten Indios boten dem Regisseur an, Kinski zu erschiessen. Was bewirkt der Zauberspruch „Geiz ist geil“ eigentlich noch? Stecken Plutomanten oder Pornomanten dahinter? Und überhaupt: Diese Geschichte mit Boris Becker und dem Samenraub…ist euch auch schon mal aufgefallen, dass in deutschen Fussgängerzonen oft Betonkugeln rumliegen?

Oft kommt es bei diesem Thema zu leidigen Diskussionen über „Nationalcharakter“ und „Kulturunterschiede“, gleichermassen unerträglich in Form von „doofe Cowboy – Amis vs. Kulturbürger in Germany“ und „spiessige Michel contra lässige Citizens“. Das braucht’s gar nicht. Es reicht schon, wenn man die Augen offen hält, und sich wundert. Und wenn die Spielenden das Gefühl bekommen, ihre vertraute Umwelt mit einem Mal ganz ander zu sehen…und feststellen, dass diese andere Sicht auf verquere Weise Sinn ergibt.

Denn das ist ja, wenn man’s mal ganz hoch hängen will, die philosophische Dimension von UA, das vielbeschworene „postmoderne“ an der ganzen Klitsche. Der Kern von UA ist fuer mich die Suche nach der eigenen Wahrheit. Wenn die Religion sie nicht mehr liefert, die grossen politischen Utopien angeblich verabschiedet sind und die Selbsteinrichtung der buergerlichen Gesellschaft in Schlingern kommt, dann wird die Sinnsuche neurotisch. Wenn scheinbar nichts mehr wahr ist, ist dann alles wahr ? Das ist ja das Gedankenspiel von UA > Stell dir mal vor, du koenntest dir eine Wahrheit ausdenken, und diese Wahrheit wuerde die Welt veraendern. Was wuerdest du tun und was waere der Preis? Auf diese Frage wird man sicherlich an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Antworten finden, abhaengig von vielen Umstaenden und Praegungen. Aber die Frage ist, denke ich, global. Ist schon spannend, mal zu sehen, wie wir unter den Vorzeichen eines Lebens in Deutschland sie beantworten.

Dass ich ploetzlich keine Umlaute mehr kann, liegt uebrigens daran, dass beim Tippen dieses Eintrags meine Tastatur urploetzlich auf die amerikanische Belegung umspringt.

Hier einige weiterfuehrende Forenthreads zum Thema:

Black Box BRD

http://grofafo.org/index.php/topic,13505.0.html

Euro Trash

http://www.blutschwerter.de/euro-trash-t23883.html

Euro – Panik (funktioniert Plutomantie mit dem Euro?)

http://www.blutschwerter.de/euro-panik-t22198.html

„To Go“ in Deutschland – Ist Bielefeld ein Chakra?

http://www.blutschwerter.de/zum-mitnehmen-to-go-deutschland-t21772.html

UA auf und für deutsch

http://www.blutschwerter.de/unknown-armies-auf-und-deutsch-t8047.html

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