Sonderfahrt

Auch der okkulte Untergrund hat seine weisen alten Männer, aber sie sitzen nicht in irgendwelchen verborgenen Tempeln oder vor einer einsamen Waldhütte. Sie bewegen sich unter den normalen Menschen, eigentlich für alle sichtbar und doch nur für Eingeweihte zu erkennen.

Einer dieser Weisen ist der Mann, der Nacht für Nacht in den Straßen der verschiedensten Städte umher fährt. Er bewegt sich dabei mit einem Bus, einem alten Modell, das eigentlich bei keinem Nahverkehrsbetreiber mehr im Einsatz sein dürfte. Doch wenn man sich dem Fahrzeug nähert, kann man erkennen, dass es absolut fabrikneu wirkt. Keine Gebrauchs- spuren, keine Beschädigungen am Lack, keine Rostflecken. Und auch der alte Motor dröhnt wie in besten Tagen.

Wer sich bei Nacht in der Stadt herumtreibt, könnte den Bus immer wieder mal sehen, die altertümliche, von hinten beleuchtete Anzeige mit dem Begriff „Sonderfahrt“ versehen, wie er einer nur ihm selbst bekannten Bus-Linie folgt.

Wie man eine Mitfahrgelegenheit bekommt

Der Bus entscheidet selbst, wen er mitnimmt und wen nicht. Doch es gibt in vielen Städten Mitglieder des okkulten Untergrunds, die mit dem Bus Kontakt aufnehmen können (sie werden jedoch nie verraten, wie sie das tun). Die Frage ist also vor allem, ob man die entsprechenden Kontakte hat.

Ein Einsteiger, der seine ersten Schritte in die verborgene Welt macht, wird diese Personen bestimmt nicht kennen. Wer jedoch bereits tiefer in die okkulten Kreise seiner Stadt  vordringen konnte, verfügt über eine Chance, die richtigen Kontakte zu haben. 

Oft dauert die Suche nach dem richtigen Verbindungsmann einige Tage, die man mit Telefonaten, E-Mails oder in einschlägigen Chatrooms und Foren verbringt. Der Suchende erfährt nur selten, wann er den richtigen Kontakt gefunden hat.

Manchmal ist es eine E-Mail, in deren Anhang sich ein Dokument befindet, das als Fahrkarte ausgedruckt wird (nach dem Ausdruck lässt sich das Dokument nicht mehr öffnen). Bisweilen findet der Charakter eines Morgens in seinem Briefkasten einen unfrankierten Briefumschlag, in dem sich eine altertümliche Fahrkarte befindet, wie sie früher vom Schaffner im Bus verkauft wurden. Möglicherweise spricht aber auch ein Bote den Charakter irgendwo auf offener Straße an und übergibt ihm eine codierte Magnetkarte (der Überbringer wird dabei nur wissen, wo und wann er den Charakter antrifft und was er dann tun soll, jedoch nie, wer ihm den Auftrag dazu gegeben hat).

Egal, wie die Fahrkarte aussieht, es werden sich immer genaue Angaben darauf befinden, nämlich Datum und Uhrzeit sowie Start und Zielpunkt der Fahrt. Dabei handelt es sich immer um Bus-Haltestellen in der Stadt, die nur einige Kilometer auseinander liegen.

Zwischen Start und Ziel befindet sich immer genau eine weitere Haltestelle, wenn man eine normale Buslinie betrachtet, die den gleichen Weg nimmt. Die Fahrt eines Busses zwischen diesen Punkten wird nicht länger als zehn Minuten dauern, wie der Charakter herausfinden kann. Die Fahrkarte gilt immer nur für eine Person.

Der Charakter muss sich zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort einfinden, um seine Fahrkarte einzulösen. Sollte er – aus welchem Grund auch immer – den Termin verpassen, so wird die Fahrkarte einfach verschwinden, egal, wie sicher der Aufbewahrungsort war, den er für sie ausgesucht hat. Der Charakter wird danach nie wieder die Möglichkeit haben, eine neue Fahrkarte zu bekommen.

Ralf Sandfuchs gibt hier einen kleinen Vorgeschmack auf den kommenden Kassiber mit dem Thema „Auto und Verkehr“

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