Spaß beim Rollenspiel

Darf Unknown Armies Spaß machen? Schließlich spielt man in einer postmodernen Welt Charaktere abseits der Gesellschaft, die sich die Arme ritzen, mit geschlossenen Augen in den Gegenverkehr rasen oder sich in den Delirium Tremens trinken und dabei dem Wahnsinn immer näher kommen. Hier laufen bluttrinkende Serienmörder umher, Leute lassen Flugzeuge für ein Ritual auf eine Stadt stürzen und es herrscht Krieg und Misstrauen im okkulten Untergrund. …und Gewalt… sehr viel Gewalt…

Darf man daran Spaß haben?

Hier  darf man Quentin Tarantino zitieren: „Gewalt betrachte ich als eine Form von Unterhaltung.“

Wenn in Pulp Fiction (1994) der Gangster Vincent Vega einem jungen Mann den Kopf wegschießt und das Blut (und mehr) an die Windschutzscheibe spritzt, dann will Tarantino, dass die Leute lachen.

Aber es ist nicht die Art von Effekthascherei, in der ein Regisseur möglichst eklige Dinge zeigt, damit der Zuschauer als Mutprobe beweisen kann, wie viel er aushalten kann. Tarantino spielt mit Klischees, um uns damit zu überraschen: Die Killer Vince und Jules sind keine flachen hirnlosen Charaktere, sie unterhalten sich fast philosophisch über Fast Food, Moral und Loyalität, wir mögen die Typen bis zu dem Moment, wo man Angst vor ihnen bekommt, wenn sie gewissenlos Leute ermorden und das zudem plastisch gezeigt wird. Dies sind surreale Momente, die man auch in einem guten UA-Szenario haben möchte. Die zugrunde liegende Szenerie ist grauenhaft, aber es scheinen doch von Zeit zu Zeit die Momente des uns bekannten Alltags heraus, um sofort von den Umtrieben des okkulten Untergrunds ins Absurde oder sogar Abartige gezogen zu werden. Dieses Auf und Ab sorgt für überraschende Einblicke und macht einen interessanten Teil des Settings aus… Insbesondere, wenn sich die Spielcharaktere in einem solchen ambivalenten Umfeld bewegen, mit ihren Methode sogar Teil dessen werden und den darin enthaltenen schwarzem Humor gustieren können. Natürlich stellt sich immer wieder die Frage, wo dabei die Grenzen des guten Geschmacks liegen. Das wird aber von Gruppe zu Gruppe sehr unterschiedlich sein und sollte von Zeit zu Zeit thematisiert werden.

Der Blick in den Abgrund

Aber neben der reinen Gewalt gibt es bei UA auch einen andere Form des Grauens, Blicke in die menschlichen Abgründe, die umso erschreckender sind, da UA ein humanzentriertes Weltbild liefert, indem weder Außerirdische noch unbekannte übernatürliche Kräfte die Schuld an den Abscheulichkeiten haben, sondern ausschließlich Menschen. In vielen Fällen sogar die Spielercharaktere selbst, denn nicht umsonst ist das Motto von UA: „Du bist schuld!“

Solche Szenen sind intensiv, da sie die Figur, die der Spieler führt, selbst auf direkteste Weise betreffen, die seine Reaktionen im Spiel provozieren, mit dessen Konsequenzen er leben muss.

Aber ist ein großer Spaß dabei nicht, dieses Grauen zu erleben ohne wirklich betroffen zu sein?

„In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang sogar von der sogenannten Angstlust“, sagt Ulrich Kobbé vom Institut für subjektpsychologische Wissenschaften, interdisziplinäre Forschung und institutionelle Therapie in Lippstadt. Dieses Phänomen ist eine Mischung aus Furcht und Wonne, die an eine Rückkehr zur Sicherheit gekoppelt ist. „Wir verlassen nur in Gedanken unsere sichere reale Welt, setzen uns mit Wonne den virtuellen Gefahren aus, aber behalten stets im Hinterkopf, dass wir im nächsten Moment schon in unser friedliches Wohnzimmer zurückkehren können.“
Quelle: Spiegel

Also erleben wir solche grauenhaften Szenen, stellen uns im besten Fall der Angst und besiegen sie. Und deswegen macht Unknown Armies spielen Spaß.

——— 

Die­ser Arti­kel ent­stand im Rah­men des Kar­ne­vals der Rol­len­spiel­blogs „Spa­ßquel­len im Rol­len­spiel [Sep­tem­ber 2012]“, der von Rich­tig Spiel­lei­ten (Blech­pi­rat) orga­ni­siert wird. Sei­nen eröff­nen­den Bei­trag zum Umzug fin­det man hier:  klick!

Schreibe einen Kommentar

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen