Review: The Unwritten (Comic)

Tommy Taylor ist weltberühmt, und das hat er seinem Vater Wilson Taylor zu verdanken. Dieser schuf die 13-teilige Buchreihe über Tommy Taylor, einem Zauberlehrling, die Harry Potter und den Books auf Magic nicht unähnlich ist. Nun assoziiert alle Welt Tommy mit der Romanfigur.

Für Tommy allerdings bedeuten der Kult, das Leben im Rampenlicht, die Signierstunden und Pressekonferenzen auf einschlägigen Conventions nicht nur Stress, er fühlt sich zunehmend auch als Experiment seines Vaters; nur dass er eben den nicht mehr fragen kann, da er vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist. An seine Mutter hat Tommy keine Erinnerungen mehr.

Während einer dieser Pressekonferenzen äußert die Reporterin Lizzie Hexam den Verdacht, dass Tommy nicht der leibliche Sohn Wilson Taylors sei, sondern der angenommene Sohn von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, und belegt diese These auch so eindrucksvoll, dass der Hype der Massen in blanken Hass umschlägt und sich der junge Mann auf einmal in der Rolle des Verfolgten wiederfindet, gejagt von den Medien, gehetzt von enttäuschten Fans, die ihn als neuen Messias verehren, und bedroht von Mächten, die wissen, dass Worte Macht bedeuten und die vor nichts zurückschrecken, um ihre dubiosen Ziele zu verfolgen und durchzusetzen.

Sind Daddys Geschichten vielleicht doch mehr wert, als das Papier, auf welchem sie gedruckt wurden? Und was passiert, wenn die Grenze zwischen Realität und Fiktion sich zunehmend auflöst? Ist das Leben am Ende nur ein weiterer böser Traum oder steckt da noch mehr dahinter?

Mike Carey und Peter Gross (das Team von ‚Lucifer‘) erzählen hier ein fantasiereiche Geschichte um Schein, Literatur und Wirklichkeit, wobei sie geschickt mehrere Erzähl- und Wahrnehmungsebenen miteinander verflechtet: neben der Haupthandlung um den „realen“, den fast erwachsenen, von den Medien profitierenden und an den Medien leidenden Tommy, stehen sowohl kurze Szenen, in der die im Comic-Kontext fiktive Romanfigur – der kindliche Tommy Talyor – als Protagonist fungiert und die visuell durch eine blassere und farbreduzierte Koloration erkennbar sind, als auch gleichsam kurze Einblendungen aus Chatroom-Dialogen, Website- und TV-Nachrichten.

Doch die authentische Atmosphäre währt nie sonderlich lange, da sie immer wieder durch surreale Geschehnisse und Ereignisse durchbrochen wird, welche neben einigen manchmal recht blutigen Action-Momenten maßgeblich die Spannung befördern, da sie nahelegen, dass hinter der medialen, gesellschaftlichen Realität etwas Unbestimmtes wirkt.

Taylor begibt sich auf eine Reise zu den Hotspots der Literatur, durchschreitet die Karte der Imagination – egal, ob vor dem realarchitektonischen Vorbild für das Wahrheitsministerium über Orwells 1984 sinniert, Shakespeares Globe Theater in London oder in der Villa Diodati, dem Entstehungsort von Frankenstein tief in eine der folgemächtigsten Geschichten der Moderne eintaucht – immer wieder wird die Grenze zwischen Realität und Fiktion und die Überlappung der beiden Sphären der Literatur deutlich markiert. 

Das passt hervorragend zu Toms besonderer Fertigkeit: Er kennt sich extrem gut mit Literatur-Geografie aus. Er hat zwar nicht unbedingt viele Bücher gelesen, kennt aber die (realen) Orte, wo diese spielen. All das hat ihm sein Vater eingebläut und wie es scheint, nicht ohne Hintergedanken.

Und schliesslich gibt es da noch einen vermeintlichen Irren, der als Graf Ambrosio, Tommy Tailors Roman-Erzfeind, durch die Gegend läuft  und den armen Tom terrorisiert. Zuerst als Stalker, dann als Entführer.

Für den Unknown-Armies-Enthusiasten ist dieses Comic ein Quell von Inspiration. Insbesondere Bibliomanten (aber auch Cinemanten) werden ihre Freude daran haben, zu sehen, wie weit ein literarischer Fakt in die Realität einschlagen kann. Zudem bekommt man einen guten Eindruck davon, inwieweit das kollektives Bewußtsein einer großen Gruppe von Menschen auf eine einzelne Person wirkt, die in ihr ihre Ideen verwirklich sehen wollen. Sogesehen kann man Tommy Taylor auch als einen Gottläufer des „jugendlichen Helden“ sehen.

Der erste Band erschien im Juli dieses Jahres auf deutsch bei Panini. Seit dem 15.11 sollte der zweite Band in eurem bevorzugtem Comic-Laden stehen. Bei Vertigo gibt es bereits vier englischsprachige Sammelbände und die Serie wird in monatlichen Abstände fortgeführt. 

Für alle, die Sandman, Luzifer oder die Bücher der Magie mögen, ein klarer Kauftipp…

 

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