Toynbee

Die mit Asphalt- oder auch Linoleumfarbe gemalten Schriftzüge haben durchschnittlich die Größe eines Nummernschildes oder einer DVD-Hülle und fallen durch obskure und wunderliche Nachrichten auf. Die meisten der sogenannten Toynbee Tiles tragen den Schriftzug „Toynbee idea in Kubrick’s 2001. Resurrect dead on planet Jupiter„, doch auch einzelne Schriftzüge mit anderen, aber vergleichbar kryptischen Nachrichten sind bekannt.

Erstmals gesichtet wurden die obskuren Depeschen in den Achtziger Jahren, wobei sie vorrangig in den USA aufzufinden waren. Doch die Sichtungen der Toynbee Tiles nahmen zu; immer häufiger wurdensie in verschiedenen Großstädten aufgefunden. Die Website www.toynbee.net dokumentierte bis 2006 nicht weniger als 160 Kachelfunde – die meisten davon in New York und Philadelphia, darüber hinaus jeweils eine in Rio de Janeiro, Buenos Aires und Santiago de Chile.

Es liegt nahe, dass der Name Toynbee auf den britischen Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee (1889 – 1975) anspielt, der in seiner Autobiografie „Experiences“ (auf Deutsch: „Erfahrungen“) 1969 schrieb, dass es angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse schwierig geworden sei, sich die Aufspaltung des Menschen in einen vergänglichen Körper und eine unsterbliche Seele vorzustellen. Wohl aber könne man sich das Leben nach dem Tod als eine körperliche Manifestation an einem anderen Ort denken. Es kann aber auch sein, dass es sich auf die Kurzgeschichte über eine Zeitreise namens „The Toynbee Convector“ von Ray Bradbury aus dem Jahre 1984 bezieht. 

2005 beschloss der Filmemacher Jon Foy, eine Dokumentation mit dem Titel „Resurrect Dead“ über den Urheber der Kacheln zu drehen. Schon bald stieß man auf Hinweise: 1983 wurde einem Reporter der Tageszeitung „Philadelphia Inquirer“ von der Möglichkeit berichtet, die Moleküle Verstorbener auf dem Planeten Jupiter wieder zu lebenden Menschen zusammenzusetzen. Etwa zur selben Zeit gingen mehrere Anrufe desselben Mannes bei der Radiosendung des Talkshow-Moderators Larry King ein. King habe den Mann jedoch regelmäßig abblitzen lassen.

Man ging schliesslich dem entscheidenen Hinweis nach nach, dass der Urheber der Toynbee-Kacheln – gekränkt durch die ablehnende Haltung der Medien – nicht nur damit begonnen hatte, Mosaike zu legen, sondern auch, seine Theorie über einen eigenen Piratensender in Philadelphia kundzutun. Ein Teilnehmer der Veranstaltung erinnerte sich, dass er von einem Mann kontaktiert worden war, auf den die Beschreibung passte. Und er erinnerte sich auch an einen Namen: Severino Verna.

Bald stand die Filmcrew vor dem Haus des Fliesenlegers, nur wenige Schritte von der mutmaßlichen Wahrheit entfernt. Die Fenster waren teilweise mit Sperrholz verrammelt, dicke Vorhängeschlösser sicherten die Tür. Hin und wieder war ein Schatten hinter einem der Fenster zu sehen. Doch auf das Klopfen und Rufen reagierte niemand. Aus Rücksichtsnahme ließ man nach mehreren Versuchen, Verna zu einem Gespräch zu bewegen, von ihm ab. Alle Hinweise deuteten darauf, dass man den richtigen gefunden hatte – aber eine Erklärung, ein endgültiges „Ich war es!“ ist Severino Verna bis heute schuldig geblieben.

 

Natürlich sind nicht alle Kacheln das Werk eines einzelnen Mannes. Im Internet gibt es seit geraumer Zeit ein Video des Handwerker-MagazinsMake“, das zeigt, wie man Toynbee Kacheln herstellt und eine Gruppe namens „House of Hades“ stellt regelmässig neue Werke in die Welt. Hat sich hier ein neues haptisches Mem entwickelt oder hat ein Avatar des Boten die virtuellen, nicht packbaren Informationen der heutigen Zeit als überholt erkannt und übt  sich in einer anderen Form der Informationslagerung gegen das Digitale Vergessen?

Und vergisst nicht, dass ein Name wie Severino Verna einige interessante Anagramme bietet.

Der okkulte Untergrund bleibt wachsam…

 

Vielen Dank an Synascape, der mich auf den Bericht im Spiegel aufmerksam machte.

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