Umberto Eco okkult

Umberto Eco, weltweit bekannter italienischer Philosoph und Erfolgsautor, wird heute 80 Jahre alt. Sohn eines Buchhalters, studierte er Philosophie in Turin, arbeitete zunächst für Medien und Verlage, wurde 1971 Professor für Semiotik. Die Wissenschaft vom Umgang mit Zeichen als Symbolen der Kommunikation ermöglicht es ihm, in seinen Büchern unterschiedliche historische Epochen ironisch zu überblenden und sich dabei stets in der Gegenwart zu bewegen. Das wurde dann postmoderner Roman genannt, wobei Eco „Postmoderne“ eher als „Geisteshaltung“ denn als Epochenbezeichnung verstehen wollte.  „Postmoderne Literatur“, erklärte er, zeichne sich zunächst durch die Wiederentdeckung der Handlung und des Vergnügens aus. Ihr Modus sei die Ironie, die jedem Authentizitätsanspruch eine Absage erteilt. Heute gehört der leidenschaftliche Büchersammler und Herr über eine rund 30.000 Bände zählende Privatbibliothek in Mailand zu den renommiertesten Linksintellektuellen Italiens.

 

Welche seiner Romane lassen sich für Unknown Armies (und warum) verwursten?

Der Name der Rose

Oberflächlich gesehen ist es ein Krimi um verschiedene Mordfälle, die dem Muster der Apokalypse zu gehorchen scheinen. Die Themen okkulte Morde und Apokalypse kann man natürlich problemlos eins-zu-eins in ein Szenario übernehmen. Doch Der Name der Rose funktioniert sowohl als Kriminalroman als auch geschichtsphilosophische Abhandlung. Eco erzeugt Stimmung, Bedrohung und Gefühle, ohne diese zu beschreiben. Er gibt Beschreibungen von mittelalterlichen Personen, die auch ein moderner Mensch begreifen kann (so erscheint William von Baskerville nicht umsonst wie eine mittelalterliche Version von Sherlock Holmes). Genauso sollte ein UA-Spielleiter die Charaktere im okkulten Untergrund schildern: einerseits verständlich menschlich packbar, andererseits abgehoben esoterisch, einer unbekannten Kultur oder Logik (ihrer Obsession) folgend.

Zudem ist die Beschreibung der Bibliothek und ihrer Nutzer ein schönes Bild für den eigenen Bibliomanten.

 

Das Foucaultsche Pendel

Drei Lektoren stoßen auf ein rätselhaftes Dokument aus dem 14. Jahrhundert. Sie vertiefen sich in die Materie und entwickeln zum Spaß einen Verschwörungsplan. Dieser wird ihnen zum Verhängnis. Eingefleischte Verschwörungstheoretiker sollten wirklich die Finger davon lassen. Da besteht die Gefahr, dass sie den ganz eigenen und teilweise parodistischen Humor dieses Buches eventuell missverstehen.

Neben den Templern, deren Gedankengänge man den des wahren Orden des St.Germain gleichsetzen kann, ist die Methode des Branistormings wie sie im Buch beschrieben wird, um jedwede Verschwörung mit Fakten zu belegen eine tolle Methode, um Szenarien zu schreiben.

 

Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana

Ein klassisches Mindfuck-Szeanrio. Als die Hauptfigur aus dem Koma erwacht, fehlt ein Teil ihrer Erinnerungen. Also begibt sich der Mann auf Spurensuche. Schritt für Schritt findet er – und mit ihm der Leser – seine Vergangenheit wieder.

Ich hörte Leute um mich her reden, ich wollte rufen und ihnen zu verstehen geben, daß ich da war. Ein Sirren war zu hören, als würde ich von einer Foltermaschine mit nadelscharfen Zähnen zerrissen. Ich war in der Strafkolonie. Ich spürte ein Gewicht am Kopf, als hätte man mir die eiserne Maske angelegt. Mir war, als sähe ich hellblaue Lichter.
»Da ist Asymmetrie im Durchmesser der Pupillen.«
Bruchstücke von Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, sicher wachte ich gerade auf, aber ich konnte mich nicht bewegen. Wenn ich doch nur wach bleiben könnte. Habe ich wieder geschlafen? Stunden, Tage, Jahrhunderte? (…)

Ich drehte die Augen, und es gelang mir, auch den Kopf zu bewegen: Der Raum war nüchtern und sauber, wenige kleine Möbel, aus Metall und in hellen Farben, ich lag in einem Bett, mit einer Kanüle im rechten Arm. Ein Sonnenstrahl kam durchs Fenster herein, zwischen den Stäben der heruntergezogenen Jalousie, Frühling glänzt ringsum in der Luft und frohlocket über den Feldern. Ich murmelte: »Wir sind… in einer Klinik, und Sie… Sie sind ein Arzt. Ist es mir schlimm ergangen?«

So kann auch ein UA-Szenario beginnen, das mit den Räumen der Renuntiation spielt.

 

Der Friedhof in Prag

Ecos jüngster Roman ist prall gefüllt mit Details aus dem 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen zynische Fälscher, politische Strippenzieher, dazu gewissenlose Geheimdienste und eine gegen Juden gerichtete Verschwörungssaga, die angebliche Entstehungsgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“.

Ich bin noch nicht ganz durch damit, aber für mich ist dies der zweite Teil des Foucaultschen Pendels. Auch hier lernt der UA-Enthusiast etwas über die Methoden des verschwörerischen okkulten Untergrunds.

Als besonderen Wunsch zu seinem Jubeltag, wollen wir hoffen, dass er mit seinen weiteren Versuchen grandio scheitert.

„Ich versuche ja, von Buch zu Buch immer komplizierter zu werden, um die Leser abzuschrecken.“ –Umberto Eco

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