Unten

Jasper schreibt über Clowns im Dungeon, hier ist die Tür dazu.

Es ist Nacht. Du bist in einer feuchtkalten, dunklen Gasse – an einem seltsamen, fremdartigen Ort. Du weißt nicht, wie du hergekommen bist – und schon gar nicht, warum. Du schaust vor dich, schaust hinter dich. Die Gassen, die von hier wegführen, sind dunstig und mit Graffiti besprüht, und der heulende Lärm der Straßen weiter hinten klingt kaum menschlich. Du kannst nicht nach Hause. Du hast nicht einmal eine Ahnung wie weit du von zu Hause weg bist – und du weißt nicht, wo oder was >>zu Hause<< eigentlich ist.
Jetzt siehst du einen trüben Lichtschein unter deinen Füßen. Du schaust zu Boden. Du stehst auf einem Kanaldeckel. Das Licht kriecht durch die runden Löcher darin. Du hebelst den Deckel mit bloßen Fingern auf und rollst ihn unter beträchtlichen Anstrengungen beiseite. Du spähst hinunter und siehst einen Wasserlauf, der gleichmäßig durch das unterirdische Licht strömt. Zweifellos eine Kloake. Der Verwesungsgeruch ist durchdringend. Dennoch wirkt dieser Wasserlauf einladend – eher jedenfalls als die gespenstische Welt jenseits dieser Gasse. Warum ist er einladend? Möchtest du dich ertränken? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Eigentlich weißt du nichts über deine eigenen Beweggründe. Du weißt nicht einmal, wie du heißt.
Du kletterst eine Leiter hinunter und gelangst auf die Böschung neben dem Wasserlauf. Massive rechteckige Säulen stützen die Straße über deinem Kopf. Die Decke ist durchzogen von rostigen Stahlstreben. Das Licht durchdringt die unbewegte Luft um dich herum, und so ist es hier heller als in der Welt dort oben. Du kannst aber nicht sagen, woher dieses gedämpfte unterirdische Licht kommt.
Ringsumher siehst du formlose Schattengestalten, die ziellos herumwandern. Es sind Silhouetten ohne Gesichter, ohne erkennbare Gliedmaßen. Sie sind anscheinend willenlos. Sie sprechen nicht. Sie wissen anscheinend nicht, was sprechen ist. Ohne einen Spiegel zu haben, erkennst du, daß du aussiehst wie sie. Du mischt dich unter sie. Du bist ihresgleichen.
Trübe Bäche, von alten Holzstegen überbrückt, schlängeln sich durch diese Katakomben davon und zerschneiden den Betonboden in einzelne Inseln. Du fühlst, wie diese Brücken sich unter deinen Füßen spannen und biegen, und du fragst dich, wie tief und wie dreckig das Wasser unter ihnen wohl sein mag.
Wohin führen diese Katakomben? In die Unendlichkeit, vermutest du. Im unterirdischen Dunst siehst du kein Ende dieser Betoninseln. Unterirdische Unendlichkeit ist weder eine erfreuliche noch eine unangenehme Vorstellung. Du kannst dir weder eine bessere noch eine schlechtere Welt denken. Du kannst dir überhaupt keine andere Welt denken.
Aber tief in dem Nebel entdeckst du jetzt doch eine Grenze. Eine glatte Betonwand wird sichtbar – am Rand der Katakomben. Da ist eine Tür in der Wand – eine verschrammte rote Tür mit einem sechszackigen gelben Stern.
Du näherst dich der Tür, und die anderen tun es auch. Die Tür schwingt lautlos auf, und ein warmes, gelbes Leuchten scheint heraus. Die schwarzen Gestalten vor dir strömen in der schmalen Tür zusammen. Sie gehen nicht hintereinander durch die Tür, sondern sie scheinen dort miteinander zu verschmelzen und werden zu einer einzigen dunklen Gestalt, die diese Tür ausfüllt.
Du kommst er Tür immer näher. Du trittst ein in die vor dir ragende Gestalt, schließt dich ihr an, wirst zu ihr. All die schwarzen gestalten sind jetzt eine Gestalt, und auch du bist diese Gestalt…

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